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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 159

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Unsere Sonderstellung
Date
1916-06-01
Page
159 (sequence 4)
Language
German
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Unsere Sonderstellung 159 lassen wird. Dies Sein sehen wir aber ebenso auch in dem gesamten Wogenschlag des lebendigen jüdischen Wesens der Neuzeit: im stillen Weben der tief religiös gebliebenen Volksmassen, denen jetzt Führer und Propheten fehlen, die aber im verkrüppelten Elend noch den messianischen Glauben hegen und ungeahnter Veredlung fähig sind; im leidenschaftlichen Wirken jener erlesen geistigen Männer, die ihr jüdisches Weltempfinden ganz vom historischen Judentum wegtrieb, während sie doch in allen Äußerungen ihrer ideellen Inhalte durch und durch Juden bleiben mußten; im unablässigen Erwerbstreiben der Tausende jüdischer Männer, das zum Teil die dunkelsten Gefahren für den ideellen Bestand des Judentums heraufbeschwört, indem hier das Mittel hundertfach zum Selbstzweck geworden ist — ein Treiben, dem noch höhere führende Kräfte Damm und Richtung zu geben haben werden, und das doch für den groben physischen Fortbestand der Nation unentbehrlich ist, darin zunächst seine einzige vielfach ungenügende Entschuldigung finden kann; und im geistigen Schaffen der vielen Halbentwurzelten und Umgepflanzten, die all ihren geerbten religiösen Ernst in die edleren Gebiete des allgemeinen Kulturlebens der modernen Nationen hinübertrugen, und den freien Berufen eine Fülle häufig (nicht immer) willkommener Förderer zuführten — in den Künstlern, Gelehrten, Ärzten, Publizisten jüdischen Stammes. Alle diese zersplitterten Kräfte zu vereinigen bleibt uns Sehnsucht und ferne Hoffnung, die auch dem unmittelbaren realen Wirken Nährung und Spannung gibt Die Realität aber stellt allem nationalen jüdischen Wirken ungeheure dunkle Hemmungen entgegen, sowohl innerer wie äußerer Natur. Unaufhörlich stoßen wir insbesondere an äußere Hemmungen an, und die herrschenden Meinungen sind geneigt, in diesen sichtbaren Schranken das eigentlich widerstrebende und niederdrückende Element unserer neuen Entwicklung zu sehen: ein Wahn, aus dem es nur eine Befreiung geben kann, wenn wir uns über die intensiven Schwierigkeiten klar zu werden suchen, die es in uns selbst zu bekämpfen gilt, ehe sich die Wege für eine lebens- und sinnvolle Entfaltung der jüdischen Nation aus dem Sturm und Chaos der Zeit entschleiern. Hier sind nun die Verkörperer des neuen Judentums am Werk. Dem zweifelnden Vorurteil, der verbergenden Angst, der selbstleugnerischen Eigensucht stellen sie ein Bild des seienden Judentums entgegen, das in sich selbst bereits Idee und Erfüllung ist. Mag dieses Bild noch umspült sein von der eklektischen Nivellierung des verflossenen Jahrhunderts westlicher Emanzipation, mag es verdunkelt sein durch die vorstechenden Erscheinungen erner auf das „enrichissez-vous" eingestellt gewesenen und noch jetzt ausgiebig eingestellten Zeit — es lebt im Träumen und Sinnen der sich wieder verjüngenden Generation und überwindet das angehäufte Negative nicht nur durch dessen bloße Negation, sondern im Ringen um geschichtlich und seelisch geschaute wesensvolle Inhalte, in einer neuen verpflichtenden Bejahung. Herman Glenn

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