Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Der polnische Jude
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 155 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der polnische Jude 135 die intellektuelle Naturanlage des Juden wird durch jenen Zuwachs bei uns wieder neu gekräftigt werden. Aller Segen im Kulturleben aber beruht auf Wechselwirkung. So soll nun auch der polnische Jude nicht nur deutsche Wissenschaft und deutsche Art, Schlichtheit, Geradheit und strenge Gewissenhaftigkeit bei uns erlernen, die ihm unter den Schlichen und Ränken des Despotismus und der Verfolgungen abgeschwächt sein dürften: er soll auch in die jüdische Religiosität des deutschen Juden ernsthaft sich einfühlen, um sie für sein eigenes persönliches, wie für das Gemeindeleben, in Selb* ständigkeit und nach seiner Eigenart anzubauen. Er soll einsehen lernen, daß die wahre, die wissenschaftliche Philosophie, die nicht den Dilettantismus der Phantasie hegt, sondern mit den Wissenschaften methodisch verwachsen ist, den Glauben an den einzigen Gott zu rechtfertigen vermag. Dieser Glaube ist daher eine ethische Erkenntnis* Die deutsche Philosophie hat für diesen Begriff den Ausdruck des Vernunftglaubens- Und auf dieser ethischen Begründung der religiösen Sittlichkeit soll auch die Staatsgesinnung der Ostjuden gegründet werden; aus ihr soll er auch subjektiv sein Staatsbürgerrecht herleiten. Nicht nur Dostojewski, sondern auch Tolstoi gegenüber soll er ohne allen Anflug von Pantheismus in voller wissenschaftlicher Bestimmtheit und Unzweideutigkeit das Panier des einzigen Gottes hochhalten, die gedankliche Lehre des reinen Monotheismus. In solcher Idealisierung erschaue ich die Zukunft des Ostjudentums. An den alten ehrwürdigen Stätten der Jeschiba werden Fakultäten der jüdischen Wissenschaft erstehen. Unerschöpflich ist die Schaffenskraft des jüdischen Geistes und Herzens. Die Juden aller Länder werden, wie bisher für den politischen und sozialen Beistand, so fernerhin gegen die Verfolgung des jüdischen Geistes sich verbünden. Und der höchste Triumph des deutschen Juden wird es sein, wenn es seinem Vater lande beschieden sein möchte, diese wahrhafte Befreiung, diese innerliche Verjüngung der Juden des Ostens in allmählichem Fortschritt zu erwirken. Was würde dagegen alle die stückweise Emanzipation bedeuten, die bisher den Juden zuteil geworden ist. Denn nicht nur die größere Zahl, die dieser Befreiung teilhaft wird, gibt ihr die höhere Bedeutung, sondern die Vollendung des geschichtlichen Sinnes aller Judenemanzipation ist es, welche sonach im Selbstbewußtsein des Juden zur Reife kommen würde. Wenn erst in den Städten und Dörfern des Ostens der Gottesdienst nicht mehr mit der Dramatik und der Gestikulation des Klagelieds und des unmittelbaren Jammers begangen wird, sondern mit der dem Gegenwartsgefühl gleichsam enthobenen Feierlichkeit eines gedanklich objektiven Kultus des religiösen Bewußtseins; wenn erst die Idee die Vormacht erlangt vor der Zwangsmacht des traditionellen Gefühls mit dem Zauberbeiwerk des Aberglaubens; und wenn demgemäß erst auch in die Pflege der Wissenschaft der Geist der echten Kritik einziehen wird, so daß das Lernen zwar freilich nicht schlechthin zum Beten wird, sondern zum Zweifeln und Irren, weil eben auch zum zuversichtlichen Verharren auf der Spur der wissenschaftlichen Wahrheit: dann werden das Bethaus und das Lehr haus vereinigt wahrhafte Kulturstätten werden. Und der Idealismus der eingewurzelten Martyrkraft, wie nicht minder aber auch der Gleichmut und der Übermut selbst des aus ihr genährten Humors und des unverwüstlichen Lebens- und Weltgefühls dieser noch ursprünglichen Menschen wird den Juden aller Welt zum Segen werden. 11*