Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Der polnische Jude
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 156 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Herman Glenn: Ihr Leiden hat den Ostjuden ein geschichtliches Vorrecht zuerteilt. Es hat ihnen mit dem Witz und dem Humor eine Ursprünglichkeit bewahrt, die eine Art von Autochthonie ist. Man soll darüber die Assimilationstugend nicht verschmähen. Aber ihr Kulturwert ist bedingt durch die Paarung mit einem unvertilgbaren Rest von Autochthonie. Bleibt sie ohne diese Verbindung, so lagert sich unleugbar ein Schatten auf die Assimilation. Die Urkraft der Autochthonie ist die natürliche, die unersetzliche Weltmacht, die in alle Nationen eingeht, aber dennoch ihr Erbteil und ihr Eigentum zu bewahren vermag, bis — wie der Jude sagt: der Messias kommt, oder wie die Ethik sagt: bis die Idee der Menschheit immer näher zu ihre* Verwirklichung gelangt. Berlin Hermann Cohen In einer Zeit wie diese, wo man von richtunggebenden deutschen Politikern die Grenzsperre als eine Maßnahme verteidigen hört, die „dem allgemeinen Wunsch Ihrer Glaubensgenossen", d. h. der deutschen Juden entspreche, ist es mit Freude zu begrüßen, daß deren geistiger Führer unbefangen und rückhaltlos ausspricht, die freie Einwanderung der polnischen Juden nach Deutschland liege im wohlverstandenen inneren Interesse des deutschen Judentums. Dieser Tatsache gegenüber darf für den Augenblick zurücktreten, daß wir in so vielen anderen Dingen ganz anders empfinden, daß wir insbesondere über das Wesen eines lebendigen Judentums und über die Mittel zu seiner Erhaltung ganz anders denken als Hermann Cohen: wir sind mit ihm verbunden in der Anerkennung des ungeheuren Reservoirs geistiger, sittlicher und sozialer Energie, das die Ostjuden darstellen* em antiken Judentum wird kein schauender Geist die Erscheinung einer großen JL/Nation von welthistorischer Würde absprechen dürfen. Und Nachdruck möge darauf gelegt werden, daß man bei aller Verschiedenheit der einzelnen Stämme und dez im Gesamtorganismus des jüdischen Bundes amalgamierten Rassenelc-mente hier von einer Nation sprechen muß, der kein Attribut dieses hohen Begriffes fehlte. Unerschütterlich muß der treu bleibende Jude glauben, daß diese Nation nach den geheimen religiösen Gesetzen alles geschichtlichen Lebens eine heilige Sendung verwirklicht und erfüllt hat, die sie den beiden anderen ganz großen Völkern der Antike, den Griechen und Römern, an innerer Macht zumindest gleichstellt, an innerer Bedeutung aber für das Erleben und Werden der Menschheit noch über jene erhöht. Die scholastische Art des Erfassens geschichtlicher Zusammenhänge, überall nach fertigen Formeln greifend, glaubt das metaphysische Wesen des Judentums im Vorkampfe für den Monotheismus erschöpft zu sehen. Auch der Beruf des jüdischen Volkes wäre so als nunmehr erschöpft zu betrachten, der Abbau der Natipn danach eine Notwendigkeit, die in der ehernen Logik der Geschehnisse Nachbemerkung der Redaktion UNSERE SONDERSTELLUNG