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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 154

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Der polnische Jude
Date
1916-06-01
Page
154 (sequence 6)
Language
German
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154 Hermann Cohen: tun, vielmehr alles täten. Wer aber die großen Bildungsanstalten für Handwerk und Kunstgewerbe in allen diesen Städten besichtigt hat, der ist ebenso von Bewunderung erfüllt für die soziale Fürsorge jener Menschen^ wie vor den Talenten der jüdischen Jugend allerwärts dort für die Kleinkunst, wie bekanntlich für die Kunst und die Wissenschaft. Auch musterhaft geführte Waisenhäuser, wie besonders das von Dr. Goldschmidt in Warschau mit unsäglicher Liebe und moderner Einsicht geleitete, habe ich nicht ohne tiefe Rührung kennen gelernt. Und so muß man in den Schulen die verschiedenen Abstufungen bewundern, mit denen man den grausamen Maßregeln der Verwaltung zu entkommen suchte. Anderseits aber ist es besonders von der russischen Jugend nur zu sehr bekannt, wie sie an den politischen und sozialen Bestrebungen zur Hebung des russischen Proletariats tapfer und opferfreudig mitgewirkt hat. Trotz allen diesen Bekundungen politischer Reife von Seiten der Ostjuden darf dennoch auch für die Politik das Vorbild des deutschen Juden nicht verschmäht werden. Auch hier hat für alle Juden in Westeuropa das deutsche Judentum durch die Begründung der Wissenschaft des Judentums den idealen Vorrang gewonnen und behauptet. In dem Schacht der spezifischen Wissenschaft vorzüglich sprudelt der lebendige Quell für alle Strömungen der Kultur innerhalb der Judenheit. Es entspricht auch dem historischen Tatbestande, daß die wahrhaft Großen unter uns in allen Gebieten des Geistes innerlichst mit jüdischem Wissen und Leben zusammenhängen und aus ihm erwachsen sind. Der Jude ist überall zuerst Jude, und zwar nicht der jüdischen Nationalität, sondern der jüdischen Religiosität wegen. Wo diese stumpf wird, da kann kein wahrhaftes Leben durch einen modernen Zauber für seine Natur hervorgebracht werden. Die jüdische Intelligenz, wie die Sittlichkeit der Juden, wurzelt aber nicht allein in Mose und den Propheten nebst den Psalmen, sondern nicht minder auch in der mündlichen Lehre, in Talmud und Midrasch, wie endlich auch in den Religionsphilosophen des Mittelalters. Der Ostjude war uns in einer zunächst für ihn ungünstigen Bedeutung zum Problem geworden, weil sein lebendiges Kulturjudentum fraglich geworden war. Indessen hat uns der Blick nicht nur auf sein Martyrium, sondern auf seine soziale Schaffenskraft bei diesem Leiden den Trost bringen müssen, daß noch viel echtes Judentum in ihm lebendig ist. Wir dürfen daher durchaus nicht daran verzweifeln, daß er selbst uns Heil bringen werde,, wenn er vielleicht nunmehr, und wenn etwa auch in größerer Anzahl als bisher immerfort in unsere Gauen einzöge, aus denen er einst zu einem großen Bruchteile seiner jetzigen Anzahl in jene Gegenden auswanderte. Mit seiner schier übermenschlichen Dulderkraft, die er erprobt hat, wird er unserer idealen Sittlichkeit, unserer Opferfreudigkeit für übersinnliche Aufgaben einen neuen Schwung geben. Und auch mit seiner scharfen Intelligenz und seiner unmittelbaren Kapazität ist er durchaus geeignet, uns anzuschärfen, zu stählen und zu geistigem Wettstreit anzuspornen. Denn bei uns sind die Nachwirkungen der talmudischen Dialektik meistens leider schon verjährt. Dort aber haben sie ihre Frische noch nicht eingebüßt. Und wer nur etwas von der geistigen Art des Talmud vernommen hat, der wird es begreifen, welchen innerlichen Wert die Gewöhnung an eine Gymnastik mit weitausgesponnenen Gedankenketten nicht nur für die Forschungsarbeit, sondern auch für die Diskussion des Verkehrslebens haben muß. Die altererbte Spannkraft wird Nacheiferung bei uns erwecken, und

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