Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Der polnische Jude
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 153 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der polnische Jude Diese Einheit, die im großen und ganzen der deutsche Jude in sich behauptet, ist dem Ostjuden abhanden gekommen, oder vielmehr, er hat sie noch nicht gewonnen» Dieser Gedanke hat mich vor zwei Jahren nach Rußland geführt, und auf der Richtigkeit dieses Gedankens beruht der unmittelbare, überschwenglich große Erfolg, dessen ich mich von dieser Vortragsreise durch Petersburg, Moskau, Riga, Wilna und Warschau zum Ruhme der Sache, zum Ruhme jener Menschen selbst auch rühmen darf. In jenen Ländern lebt immerhin noch der alte Respekt vor der Wissenschaft, der eine Grundkraft des jüdischen Wesens bildet. Mehr als anderswo —mit Betrübnis spreche ich es aus, mehr als in meinem Vater lande selbst, kennt man mich dort, freilich auch in den christlichen Kreisen der Wissenschaft, nicht nur in meinen religiösen Schriften, sondern auch in meinen philosophischen Büchern. Und mit der Unmittelbarkeit, welche wahrhafte Intelligenz Auszeichnet, hat sich dort in meinen mehrstündigen Vorträgen ein persönliches Verhältnis zwischen dem Redner und dem Auditorium blitzartig hergestellt, und die Bankette und fortwährenden .^Zusammenkünfte haben es befestigt und vertieft. Ich habe in diesen vier Wochen des Mai 1914 mehr als tausend dieser Menschen eingehend gesprochen, und ich habe nicht eine leere Einbildung, sondern eine Einsicht und Überzeugung von dort mitgenommen über die Möglichkeit des Erfolges für den Plan, aus dem heraus der Wunsch und Entschluß zu dieser ganzen Reise mir entstanden war: zur Begründung einer freien, kraftvollen, im Einklänge mit der Kulturhöhe stehenden Religiosität in jenen Ländern die Anregung zu versuchen, und als Hort derselben auf die Stiftung von Pflanzstätten für die Wissenschaft des Judentums hinzuwirken. Wahrhaftes Leben der Religiosität muß bei dem Kulturmenschen bedingt sein durch den lebendigen Zusammenhang mit religiöser Wissenschaft und religiöser Bildung. Aus diesem Zusammenhang schöpft dann auch das soziale Institut des Gottesdienstes seine lebendige Entwicklung und seine echten Normen. Es beseelt mich die Hoffnung, daß ich die damals abgebrochene Reise noch werde, wie es geplant war, fortsetzen und wiederholen können. Das Greisenalter darf ja wohl persönlich reden. So sei es mir gestattet auszusprechen, daß ich mir keinen höheren Abschluß meines Lebens wünsche als die, wenngleich nur vorübergehende, Wirksamkeit unter diesen Glaubensgenossen, deren Schwungkraft des Geistes und des Gemütes, deien Gleichmut der Dulderkraft, deren Ursprünglichkeit und Urwüchsigkeit ein jeder ehren und lieben muß, dem der Sinn für edle Natürlichkeit nicht abgestumpft ist. Und wenn es mir nicht beschieden sein sollte, an diesem notwendigen Werke der Zukunft persönlich fortzuwirken, so zweifele ich keineswegs an dem allmählichen Gelingen dieses Planes, der von der Tagesordnung nicht verschwinden darf. Es genügt nicht, daß noch unübersehbar zahlreiche geistig-sittliche Kräfte in voller Frische dort vorhanden sind. Es muß auch für diejenigen gesorgt werden, die dem Abfall nahe sind, weil sie für dieses unser ewiges Leben beinahe erstorben sind. Die Wiege der europäischen Judenheit muß als solche in aller Kraft und Unzweideutigkeit erhalten bleiben. Nur so kann auch die Kulturkraft des Juden für jene Länder selbst und deren eigene Kultur und Politik rege erhalten und veredelt werden. Es ist bei uns nicht genugsam bekannt, wie Großes an sozialer Energie von den dortigen Juden geleistet wird. Man gibt sich gar zu leicht hier der Illusion hin, als ob die westeuropäischen Juden, weil sie in ihrem rühmlichen Eifer vieles für sie Heft 3. ZI