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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 152

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Der polnische Jude
Date
1916-06-01
Page
152 (sequence 4)
Language
German
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Hermann Cohen: diesen Menschen mich gebracht hatten. Ich mußte oftmals wahrnehmen, daß ein geistiger Riß die Intelligenz des Ostjuden spaltet: zwischen Orthodoxie und religiösem Indifferentismus gibt es dort keine Vermittlung. Mancher Zionist antwortete mir mit einem skeptischen oder mitleidigen Achselzucken, wenn ich mich ihm gegenüber als gottgläubig bekannte. Und mit Entsetzen gewahrte ich in vielen durchaus edlen Beispielen, wie aus der dortigen Orthodoxie, die ja doch mit rabbiniseher Gelehrsamkeit noch verwachsen ist, eine völlige Fremdheit und daher Unverbundenheit den jüdischen Ideen und Hoffnungen gegenüber hervorgegangen ist. Da nun der kulturhistorische Gesichtspunkt für alle Schrecknisse der Geschichte eine Art von Entschuldigung zu erspähen geneigt ist, so konnte ich mir den bekannten Vorwurf des Anteils der Juden am russischen Nihilismus in den ihres religiösen Nihilismus übersetzen, und so war wiederum eine Art von Imponderabilien für die Politik der Pogrome zu trauriger Befriedigung gefunden. Der Ostjude bildet in der Tat hierin ein Sonderproblem. Denn wie immer auch bei dem Kulturjuden jene Kluft vorhanden sein mag, so ist sie doch durch den vielgeschmähten religiösen Liberalismus einigermaßen überbrückt. Moses Mendelssohn hat uns nicht nur die deutsche Sprache beigebracht und dadurch zum Mutterrecht für das deutsche Staatsbürgertum verholfen, sondern er hat uns auch das große Bollwerk gegen den Angriffskrieg der modernen Kultur in unserer Religion aufgerichtet. Alle Nebenerscheinungen, die dagegen zu sprechen scheinen, sind hinfällig gegenüber der historischen Tatsache, daß wir in unserem angeblichen Unglauben und bei der tatsächlichen Befreiung von manchem, keineswegs allem, ritualen Beiwerk dennoch, und zwar wir deutsche Juden beinahe allein, die Wissenschaft des Judentums erschaffen haben. Sie ist das große Erzeugnis des Mendelssohnschen Geistes und das unwidersprechliche Zeugnis seiner weltgeschichtlichen Bedeutung für die Erhaltung des Judentums überhaupt. In dieser Schöpfung unserer Wissenschaft ist er uns zu einem anderen Jochanan ben Sakkai geworden. Das Ritual, das schließlich mit dem Opferwerk zusammenhängt — wir schaffen es ja nicht ab, aber soweit es unter den Händen uns abgestorben ist, führen wir nichtsdestoweniger unser religiöses Leben fort und erweisen in diesem Leben uns als echte Kulturmenschen durch die Offenbarung der Wissenschaft an und aus unserer Religion, Das ist das große Beispiel, die vorbildliche Bedeutung, die der deutsche Jude für die Zukunft des Judentums, und zwar des Judentums der ganzen Welt in seiner religiösen Entwicklung darstellt. Auch der Orthodoxie, wie heilsam immer ihr Fortbestand für tms alle sein mag, auch ihr bringt, und nicht nur für ihre eigene Entwicklung unser Beispiel Förderung. Wir freie Juden beweisen mit dem Ernste und dem Hochgefühl unseres Monotheismus, eine zureichende Lebenskraft für die moderne Religiosität. Wir erbringen diesen Beweis gegenüber allem Unglauben und aller ethischen Skepsis, aber auch gegenüber dem Erlösungsglauben der Christologie. Und wir trotzen und widerstreben mit dieser Ideenkraft allen Anfechtungen, Mißdeutungen und Verführungen, die bis auf den heutigen Tag ihr Gift ausstreuen. Wir haben die Auffassung unserer Geschichte, wie die Fortführung unseres Kultus, in Einklang zu versetzen vermocht mit den innersten Triebkräften unserer religiösen Tradition, und zugleich mit denen der allgemeinen Kultur. Kein Einsichtiger kann es bezweifeln, daß unsere freie Religiosität eine Herzkraft unserer Kulturgesinnung, wie auch besonders unserer allgemeinen Politik ist.

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