Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 151

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Der polnische Jude
Date
1916-06-01
Page
151 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875865-3103835--0235-3103881
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der polnische Jude 151 In allen diesen Greueln, die nun schon viele Jahrzehnte hindurch die Welt erschüttern und die England einst zu Entrüstungsmeetings aufgereizt hatten, in allen diesen Verheerungen ist das Judenvolk doch nicht vernichtet, noch entnervt worden. Noch immer, wie seit allen diesen Jahren, steigen neue geistige Kräfte aus diesem Höllenschlund auf. In allen Gebieten des Wissens und des Forschens, der Musik und der bildenden Künste, sowie der Industrie und des Handels setzen polnische Juden nebst ihren russischen Anverwandten die Welt in Erstaunen, wenngleich nur in stilles und verschwiegenes. Denn weder der Emporkömmling rühmt sich seiner Abkunft, wenn er in dem Glänze Europas sich sonnen darf, noch Europa ehrt das Ghetto als den Stall mit der Krippe, dem so mancher Held des Geistes entstiegen war. Aber dem Juden, der seinen einzigen Gott liebt, und in diesem einzigen Kleinod den Geleitbrief seiner ewigen Wanderschaft erkennt — erkennt in aller Tiefe seines Wesens, und daher es liebt mit allen Fasern seines Herzens — der glaubenstreue Jude fragt sich: Woher kommt diese schier nie versiegende Kraft, die dem Elend zuströmt, die aus der schwersten Lebensnot emporsteigt? Hat etwa die slawische Dichtkunst, wie sehr sie das Gemüt des Juden bezaubert haben mag, oder der Schwung des Geistes und des Urteils, der bei aller Schwäche des Willens dem Russen nicht abzusprechen ist, dem Geiste des Juden eine solche Energie verliehen, daß er nicht nur in Kunst und Wissenschaft mit jenen Völkern wetteifern, sondern daß er auch sogar den Westen mit seiner Eigenart befruchten konnte? Worin findet diese gewaltige Lebenskraft ihre Erklärung, die im Widerspruch steht zu der allgemeinen Wechselwirkung zwischen Wohlfahrt und geistiger Kultur? Meine Erfahrung in meinem elterlichen Hause gibt auf diese Frage die, wie ich meine, allein richtige Antwort. Die geistige Energie der Juden hat ihre letzte Quelle in den literarischen Schätzen der jüdischen Religion. Und je mehr eine jüdische Generation mit diesen Schätzen, die Jahrtausende alt und ewig jung geblieben sind, vertraut ist, und je mehr das jüdische Wesen mit diesen seinen Grundquellen in lebendigem Zusammenhang steht, desto lebendiger und weltergreifender wird seine Glaubenskraft und durch sie und mit ihr sein sittliches und ästhetisches Selbstgefühl für sein eigenes Lebensrecht und für die geschichtliche Zukunft der Religion des einzigen Gottes. Nun aber entstand aus diesem Grundgedanken eine Folgerung, durch welche der polnisch-russische Jude auf einmal in einem ganz neuen Sinne wiederum zum Problem wird. Die Verbindung von Elend und Kraft, von Erniedrigung und Martyrium bildet kein Problem mehr; sie ist hinlänglich klargestellt aus der Glaubens- und Wissenskraft der Religion. Auch was der polnische Jude für die allgemeine Wissenschaft und Kultur geleistet hat, dieser Quelle allein oder vornehmlich ist es im tiefsten Sinne entsprungen. Aber inzwischen hat sich eine neue Schwierigkeit eingestellt, durch die er nicht nur schlechthin als Jude, sondern insbesondere als polnisch-russischer Jude zum Problem für die Judenheit und das Judentum überhaupt, zum Problem auch daher für die allgemeine Kultur wird. Plehwe soll einmal einem russischen Juden, der ihm das Beispiel der europäischen Juden in ihrer günstigen politischen Lage entgegenhielt, geantwortet haben: wenn ihr die Moraiität und auch die Religiosität der europäischen Juden hättet, dann würden wir ganz anders mit euch verfahren können. Lange aber bevor ich dies als einen angeblichen Ausspruch Plehwes vernommen, hatte mich derselbe Gedanke immerfort beschäftigt, auf den meine vielfachen Zusammenkünfte mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.