Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Der polnische Jude
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 150 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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i$o Hermann Cohen: sorge bildete und einen laufenden Posten in dem Etat der Gemeinden. Zugleich aber blieb er für jeden Einzelnen ein unaufhörliches Leidwesen, insofern er nicht nur die sogenannte Barmherzigkeit durch Almosen in Anspruch nahm, sondern das tiefere Mitleid mit dem unverschuldeten Unglück des Glaubensgenossen erregte. Die polnisch-jüdischen Wanderer belastete, lange bevor Whitechapel und New York mit ihnen bevölkert wurden, besonders die deutschen Juden mit der sorgenvollen Frage nach der Möglichkeit der Erhaltung dieser großen Anzahl lebensfähiger, aber der Gefahr der Ausrottung ausgesetzter Menschen. Und mit diesem politischen Problem verband sich offenbar genug die Sorge um die Erhaltung des Judentums bei der schwersten Bedrohung dieses größten Teils der Judenheit überhaupt* Aber selbst bei dieser Sorge verblieb es noch nicht: noch ein intimeres Problem stellte sich an diesen Menschen uns dar. Denn diese Zwittergestalten waren zwar unzweifelhaft an Leib und Seele Juden, zugleich aber wiederum auch Polen und Russen, Und da sie in jene Länder erst durch Auswanderung aus Deutschland hinüber gekommen waren, und in ihrem Volksidiom mit der jüdischen Heimattreue das deutsche Sprachgut bewahrten, so stellten sie, zumal bei ihrer beständigen Wiederkehr, die jüdische Völkerwanderung wie in einer lebendigen Wandelbühne dar. Was konnte nun aber nicht alles der Einzelne von ihnen lernen, und wie sehr ersetzten diese persönlichen Erfahrungen die für die Gemeindeverwaltungen immer mehr steigenden Ausgabeposten. An jedem Freitag Morgen fügte meine fromme Mutter dem Morgensegen das Gebet an, daß zum Sabbattische ein solcher polnischer Wanderer (Orach) als Gast erscheinen möge. Und wenn der Mann in seinen Lumpen sich nun plötzlich als ein rabbinischer Gelehrter enthüllte, so würzten talmudische Gespräche, die mein frommer Vater mit ihm führte, unser Sabbatmahl. Solche Erlebnisse haben sicherlich viele deutsche Juden in ihrer Kindheit empfangen, und wie tief hat dadurch die echte soziale Gesinnung sich in uns eingewurzelt. Denn Armut war sonach für uns mit geistiger Würdigkeit verknüpft Die Wohltätigkeit galt nicht als Opfer an das Elend, sondern als Schmerzensgeld an geistige und sittliche Würde. Da konnte nicht mehr von irgendeiner Spur der Mißachtung oder der Beschwerde im Sinne bleiben, sondern mit Macht wurde das Gefühl geweckt für den Glaubensbruder, der die Krone der Thora auf seinem Haupt trägt. So wurde dieses von Woche zu Woche sich wiederholende Erlebnis nicht nur zu einer Quelle des jüdischen Enthusiasmus, sondern zugleich auch zu einer. Grundkraft des sozialen Idealismus. Allgemach aber verschärften sich immer mehr die politischen Zustände in diesen Ländern, schon in Galizien, in der schrecklichsten Weise aber in Rußland. Und dennoch hatte nationale Assimilation in allen diesen Ländern Juden ergriffen, schon seit langer Zeit in Polen. Der Warschauer Rabbiner Meiseis war, wahrlich ohne sein nationales Judentum aufgeben zu wollen, in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein begeisterter Vertreter des Polentums im galizischen Landtag. Und von Rußland ist allbekannt die große Anteilnahme der jüdischen Jugend an der russischen Revolution. Nicht ohne Befremden konnten wir uns an diesem russischen Patriotismus erfreuen; denn die jüdische Intelligenz hätte in der mystischen Literatur der griechischbyzantinischen Orthodoxie die große Gefahr erkennen dürfen. Diese Literatur mit ihrer künstlerischen Kraft ist sicherlich eine Quelle des Panslawismus, und sie bildet die menschliche, die sittliche Erklärung für die Unmenschlichkeiten des Äussentunis in den direkten und indirekten Pogromen.