Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Deutsche Juden und polnische Juden
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 148 (sequence 12)
- Language
- German
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148 Julius Berger: Deutsche Juden und polnische Juden sogar die Chassidim, die doch einen ganz anderen Begriff von Schulen haben, stehen nicht mehr abseits, Turnvereine, Wanderbünde entstehen allerorten, Jugendvereine organisieren sich, Abendkurse (eine Unzahl von Kursen) werden gegründet, die Jünglinge sind ebenso eifrig bei der Arbeit wie die jungen Mädchen. Ein Geist des Werdens, der Erhaltung, des Aufbaus geht durch das Land, frei von dem Zwang, der .ihn unter der Russenherrschaft niederhielt. Eine neue Jugend wächst heran, begeistert von nationalen Idealen, gefestigt von sittlichen Forderungen, bis zum letzten bereit, sich für ihre gute Sache einzusetzen — aber davon erzählt keiner. Unsere Sittenschilderer lockt die Beschreibung des Lasters mehr als die der Tugend und — sagen wir es gerade heraus — die Verneinung ist ihnen willkommener als die Bejahung. Es paßt in das System ihrer Angst um die Behauptung ihrer Stellung in Deutschland, die polnischen Juden fernzuhalten, Stimmung zu machen gegen die polnischen Juden. Das ist die Grundlage des ganzen Geredes über die polnischen Juden: die Furcht, die sich der Dummheit bedient. Eine Oberflächlichkeit jagt die andere. Jetzt taucht schon ein neuer Vorwurf auf: die polnischen Juden sind faul. Man hat sich um die Vermittlung jüdischer Arbeiter aus Polen nach Deutschland bemüht und hat auch einige jüdische Unternehmer gefunden, die bereit waren, jüdisch-polnische Arbeiter in ihren Betrieb aufzunehmen. Die legen jetzt schlechtes Zeugnis ab: die Arbeiter sind unwillig, unzuverlässig, unbotmäßig, anspruchsvoll, es liegt ihnen nichts an der Arbeit, nur am Verdienst. Fazit: der polnische Jude strebt nach mühelosem Erwerb. Das sagt man von denselben Leuten, die um fünf Kopeken sich einen Tag lang die Beine aus dem Leibe laufen, denen man eben vorgeworfen hat, sie seien zu geldgierig. Es verhält sich natürlich so, daß diese ganze Arbeitervermittlung ungemein schlecht organisiert ist. Man schlägt in Polen große Plakate an: Arbeiter werden gesucht. Es melden sich alle Hungernden, Arbeiter und Nichtarbeiter, alle, die in Deutschland das Land der Verheißung sehen und natürlich keineswegs alle für die Arbeiten geeignet sind, zu denen sie sich melden. Das ist gewiß, daß, wenn man sich der Vermittlung der jüdischen Arbeiterorganisationen bedient, die Erfahrungen, die man macht, gar nicht so schlecht sind. Diese Sache ist eben genau so unorganisch angefangen, wie alle anderen Dinge, die man mit den polnischen Juden vorgenommen hat, und genau so philanthropisch. Und das schlechte Resultat dient dann zur Verschlechterung ihres Rufs. Man sollte meinen, daß die polnischen Juden nicht nur ein Recht darauf hätten, daß man ihre Angelegenheiten etwas anders anfaßte, großzügiger, organischer, anständiger, auch den deutschen Juden sollte es als eine Ehrenpflicht erscheinen, der polnisch-jüdischen Frage anders gegenüberzutreten, als nur mit Leichtsinn, mit Vorurteil, mit Philanthropie. Das politische Verständnis der deutschen Juden scheint wirklich wenig entwickelt zu sein, wenn sie nicht einsehen, ein wie gefährliches Spiel sie spielen. Glauben sie wirklich, daß der schlechte Ruf, der den polnischen Juden angehängt wird, auf die Juden Polens beschränkt bleibt? Hat man nicht eben dieselben Vorwürfe vorgestern und gestern gegen die Juden Deutschlands gerichtet? Wenn nicht die nationale Ehre, wenn nicht das rein menschliche Gefühl die deutschen Juden veranlaßt, sich positiv zur Ostjudenfrage zu stellen, so sollten schon die einfachsten Gründe politischer Zweckmäßigkeit sie davor bewahren, die Frage der polnischen Juden und die polnischen Juden selbst in dem Sumpf versinken zu lassen, in den man sie jetzt treibt. Die amerikanischen Juden haben ein Beispiel gegeben und die ganze Welt hat es ihnen gedankt. Niemand wird verstehen, wenn die deutschen