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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 147

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Deutsche Juden und polnische Juden
Date
1916-06-01
Page
147 (sequence 11)
Language
German
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Deutsche Juden und polnische Juden 147 bleibt und sie auch in den Großstädten sicher nicht erreicht. Inzwischen habe ich amtliche Ziffern erhalten. Vor mir liegen die „Statistischen Daten über die Tätigkeit der Sittenpolizei in Warschau vom 9. September 1915 bis 31. Januar 1916". In dieser Zeit wurden insgesamt behördlich registriert 1778 Prostituierte. Davon waren katholisch 1272, evangelisch 26, russisch-orthodox 23, jüdisch 457. Bei einem Bevölkerungsanteil der Juden von 45—50 Prozent der Gesamtbevölkerung machten die in der angegebenen Zeit registrierten jüdischen Prostituierten 25,4 Prozent der Gesamtzahl der. registrierten Prostituierten aus, blieben also fast um 50 Prozent hinter der Verhältniszahl der Bewohner zurück. Und in der Provinz liegen die Dinge noch erheblich günstiger; in den kleineren Provinzstädten mit überwiegend jüdischer Bevölkerung ist der Begriff einer jüdischen Prostituierten genau so unbekannt wie in den entsprechenden jüdischen Gemeinden Deutschlands. Wäre es nicht so tragisch, es wirkte lächerlich, immer das Gerede von der jüdischen Prostitution in Polen zu hören, indes die polnische, die in jeder Hinsicht größer, schlimmer, gefährlicher ist, ganz verschwiegen wird. Diese gehört eben zum Bilde einer Großstadt, sie fällt nicht auf, indessen die jüdischen Dirnen als etwas ganz Unbekanntes und Ungewohntes genau so auffallen, wie die polnischen Juden überhaupt. Das Eine steht fest: die Ehre der jüdischen Frau in Polen kann nicht angetastet werden, die Heiligkeit der jüdischen Ehe ist unerschüttert und unter den Juden Polens, auch unter den Ärmsten, kann man das überall noch finden, was jene eifrigen Berichterstatter ja nur mehr dem Namen nach kennen: das jüdische Familienleben mit seinem alten Glanz und seiner alten Geschlossenheit, Schwer ist das Schicksal der polnischen Juden. Unerträglich ihre materielle Lage, schwer verstrickt ihre politische Situation, tief die Wunden, die ihrer moralischen Kraft das letzte halbe Jahrhundert geschlagen hat, das sie aus fast all ihren Positionen verdrängte. Aber noch sind sie nicht schlechter als das Land und das Volk, in dem und unter dem sie wohnen. Sie sind anders, aber das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, daß man sie in kein Verhältnis zum Lande kommen läßt, dem sie ihre besten Kräfte gegeben haben und das seine Entwicklung nicht zum wenigsten ihrer Arbeit verdankt. Sie wären längst zerbrochen und vernichtet, wenn nicht der ungeheure Lebenswille wäre und die beispiellose Lebenskraft. Wer eine Lösung finden will des Rätsels, wie sich das jüdische Volk überall in Not und Verfolgung der Weltgeschichte behauptet hat, braucht nur nach Polen zu gehen. Davon erzählt man nichts in Deutschland und Österreich, und nichts von der wahrhaft historischen Art, wie sich dieses Volk bewährt und erhalten hat all die schweren Jahrhunderte hindurch, und auch das letzte Halbjahrhundert hindurch, das das schwerste war. Und all dies ganz von unten herauf ohne und gegen seine Führer. Von unten kamen und kommen die schaffenden Kräfte und haben da eingesetzt, wo die jüdischen Gemeinden die ihnen anvertrauten Interessen im Stich ließen ad majorem Poloniae gloriam. In Deutschland erzählt man nur von der Prostitution, aber nichts davon, wie sich die polnischen Juden ihrer zu erwehren suchen. Nicht durch Kontrolle und nicht durch Reglement, aber durch Schulen. Nie sind in Polen so viel jüdische Schulen gegründet worden, nie so viel Lesehallen und Bibliotheken, wie gerade jetzt, mitten im Kriege. Und nicht durch fürstliche Schenkungen einzelner Großer. Aber mit 100 Rubel Anfangskapital haben z. B. die Zionisten in Warschau ein Schulsystem gegründet, das heute beinahe dreitausend Kinder umfaßt, Kinderheime,Volksschulen, Mittelschulen, Handfertigkeitsschulen für Mädchen. Und so ist es überall, in Lodz, in Wilna, in der Provinz, und

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