Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Deutsche Juden und polnische Juden
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 149 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Cohen: Der polnische Jude 149 Juden sich der großen Aufgabe entziehen, die ihnen der Weltkrieg mit der Ostjudenfrage gestellt hat. Dieses muß die Forderung der deutschen Juden sein: nicht Absperrung der Grenze gegen die polnischen Juden, sondern Öffnen der polnischen Grenze für die deutschen. Deutsche Juden gehören in die Verwaltung des besetzten Gebietes genau so wie deutsche Polen hineingekommen sind. Allerdings kann die deutsche Verwaltung mit Recht zur Voraussetzung machen, daß es nicht die Interessen irgendeiner Synagogenkuppel seien, nicht die Sorge um die größere oder kleinere Mitgliederliste einer jüdischen Organisation in Deutschland, nicht der Schrei nach dem Einfluß, die die Tätigkeit der deutschen Juden für die polnischen Juden bestimmen. Denn auch dies muß gesagt werden, daß es keineswegs immer so aussah, als ob nur sachliche Gründe, die Sorge um das Schicksal der Juden in Polen, bestimmend gewesen wären für das Auftreten der deutschen Juden bei der polnischen Judenfrage, und daß der persönliche Ehrgeiz und die Eifersucht der Organisationen durchaus nicht immer ausgeschaltet waren. Man kann ja recht vorsichtig beginnen. Es ist ganz unnötig, es ist wahrscheinlich sehr verkehrt, mit den politischen Aufgaben anzufangen. Beginne man mit dem Hilfswerk. Not tut die Schaffung einer Zentrale für private jüdische Fürsorge in Polen. Deutsche und polnische Juden sollten hier gemeinsam das Hilfswerk errichten, das ein dauerndes Denkmal sein wird der tätigen Teilnahme der Juden am Schicksal ihrer Brüder in Polen. Einem solchen Verlangen wird sich die deutsche Verwaltung gewiß nicht entziehen und wird gewiß nichts dagegen einzuwenden haben, daß hierfür die geeigneten jüdischen. Kräfte ins Land kommen, wird sicher auch gern ihre Mitwirkung leihen, damit diese Institution ersprießlich arbeite. Das kann ganz ohne Sorge geschehen, daß hier politischer Ehrgeiz und Dilettantismus sich breit machen könnten, insbesondere dann, wenn vor jedem Schritt und für jede Handlung die Zustimmung und die Mitwirkung der polnischen Juden Voraussetzung ist. Das Hilfswerk ist kein Feld für große Politik, es hat nichts zu tun mit all jenen Fragen, mit denen man in unerhört falscher Manier der deutschen Regierung und den polnischen Juden gekommen ist. Es ist eine Frage ausschließlich der sozialen Organisation, deren Lösung ja nur im Sinne der Konsolidierung der Verhältnisse hegt, die die deutsche Verwaltung erstrebt. Hier mögen die deutschen Juden zunächst zeigen, was sie können. Die Aufgabe der deutschen Juden, die hier angedeutet worden ist, ist wohl besser, edier, jüdischer, sie ist auch deutscher, als teilnahmsloses Zusehen, unfruchtbare Geschäftigkeit, leichtfertiges Geschwätz. Allerdings: sie verlangt Sachlichkeit und nicht Hochmut,Gerechtigkeit und nicht Vorurteil,sie verlangt Liebe, Liebe und abermals Liebe. Berlin Julius Berger DER POLNISCHE JUDE Der Jude ist überall ein Problem. Und je mehr er als Tatsache empfunden wird, desto mehr wird er zum Problem. Aber der polnische Jude ist den deutschen Juden, denen er immer eine empfindliche Tatsache war, stets mehr als ein theoretisches Problem gewesen, weil er einen beständigen Gegenstand ihrer sozialen Für-