Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Deutsche Juden und polnische Juden
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 146 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Julius Berger: nicht zum wenigsten der deutsche Handelsverkehr nach Rußland, der auf den Trägern dieser angeblich betrügerischen Handelsgebräuche aufgebaut war. Wer wollte leugnen, daß viel Unlauteres unter den Juden vorkommt? Aber nicht auch unter den Nichtjuden? Dürfen wir überhaupt unseren Maßstab von Treu und Glauben an ein Land legen, das so verwaltet wurde wie Polen? Und schließlich hat ja auch in Deutschland der Krieg bekanntlich nicht eben zur Förderung der geschäftlichen Moral beigetragen. Dabei ist es immerhin noch etwas leichter, in Deutschland sein Gewerbe im Einklang mit den Gesetzen^u betreiben, als in Polen, und ganz besonders als in Polen im Kriege. Davon aber abgesehen, sollten wir uns wirklich endlich von dem dummen Wahn befreien, die Qualität eines Volkes an unserem deutschen Maßstab zu messen. Auch in Deutschland wird heute manches schwer bestraft, das noch vor dreißig Jahren als erlaubt galt, und dazu gibt es in Polen weder Schulzwang noch so etwas wie einen Staatsbegriff. Wenn es sich nicht um Polen handelte und um Juden, wäre es Venedig oder Smyrna, so würde ja all dies als „pittoreske" Erhöhung der fremdländischen Reize in den Reisetagebüchern erscheinen. Noch dümmer und unverschämter sind die Behauptungen, die über die Prostitution der polnischen Jüdinnen umgehen. Hier haben wir geradezu ein Schulbeispiel der gewissenlosen Leichtfertigkeit, mit der manche Kreise in Deutschland sich angewöhnt haben, die Dinge zu beurteilen, die sie im Kriege kennen gelernt haben. In den polnischen Industriezentren und Großstädten, in Warschau, Lodz, Wilna usw. gibt es ein jüdisches Lumpenproletariat und gibt es dementsprechend jüdische Prostitution, Dinge, die man in Deutschland nicht kennt. Was insbesondere die jüdische Prostitution anbelangt, so weiß man ja, einen wie geringen Prozentsatz die jüdischen Frauen in Westeuropa dazu stellen. Was aber sah der deutsche Soldat, der zur Zeit der Eroberung Warschaus in die Stadt kam? Fast jede Frau, die ihn ansprach, war eine Jüdin, denn nur diese verstanden ja, dank ihrer jiddischen Sprache, genügend Deutsch. Ist es ein Wunder, daß der einfache Mann zunächst auf den Gedanken kommen mußte. jede Dirne sei eine Jüdin? Das ist ja jetzt schon alles anders. Das große Heer der polnischen Dirnen hat schon sehr gute Fortschritte in der deutschen Sprache gemacht, aber der erste Eindruck herrschte doch noch lange nach. Auch jetzt noch ist es natürlich dem deutschen Soldaten viel leichter, Beziehungen zu einem jüdischen Mädchen anzuknüpfen, als zu einer Polin, die ihn ja kaum versteht. Und hier bekommt die Frage noch ein gan^ anderes Aussehen. In Scharen ziehen die deutschen Soldaten in Warschau des Abends in die Judenstadt und suchen Verbindungen mit jüdischen Mädchen, armen Töchtern eines verarmten Volkes, jungem Blut, das auch dem Reiz der Uniform zugänglich ist, das auch einmal etwas anderes in seinem armseligen Leben haben will als Hunger und harte Worte. Im jüdischen Theater sitzen die deutschen Soldaten zu Hunderten (das Hauptkontingent seiner Besucher bilden heute die deutschen Soldaten), jeder mit seinem jüdischen Mädchen. Sie verstehen die Bühne und sie verstehen einander. Aber die jüdischen Väter in Warschau kamen zu mir und beklagten sich, daß sie ihre Töchter nicht mehr über die Straße schicken könnten. Es ist nicht wahr, es ist eine schmachvolle Beleidigung, was heute in Deutschland über die jüdische Prostitution in Polen erzählt wird* Es gibt ja doch deutsche Behörden, die amtlich mit diesen Dingen zu tun haben, es gibt Statistiken und Ziffern, die die Wahrheit künden. Mir haben schon die Herren von der deutschen Me'dizinalbehörde in Warschau versichert, daß nach ihren Erfahrungen die jüdische Prostitution in der Provinz weit hinter der Verhältnisziffer der jüdischen Bevölkerung zurück-