Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Deutsche Juden und polnische Juden
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 145 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutsche Juden und polnische Juden 145 vom Bezug der Kriegsunterstützung ausgeschlossen sind, die das polnische Bürgerkomitee aus den allgemeinen Steuern den Reservistenfrauen auszuzahlen verpflichtet ist und auch allen zahlt, die keine Juden sind, Frage man doch, was aus den Millionen geworden ist, die in Rußland für das Kriegselend in Polen gesammelt worden waren {Juden hatten die größten Beträge gegeben), als die Russen aus Warschau abzogen und die Polen die Verteilung in die Hände bekamen. Frage man doch, warum nicht eine Kopeke davon den jüdischen Kriegsnotleidenden zugeflossen ist. In diesen Brodel kamen aus Deutschland harmlose jüdische Soldaten, brave jüdische Schlachtenbummler. Was sie bisher vom Judentum wußten, waren sie selbst. In Polen sahen sie zum ersten Mal in ihrem Leben Juden, richtige Juden mit Kaftan und Peies, eine Masse, ein Volk, all das, was nicht mehr zu sein ihr ganzer Stolz war. Diese Juden verstanden deutsch, ihre jüdische Sprache wurde von den Deutschen verstanden, sie brachten den Soldaten, was sie brauchten, denn sie wußten, was die Soldaten wollten. Sie handelten mit den Soldaten, sie schacherten natürlich und feilschten und übervorteilten, wenn es gerade so kam. Mit den Polen kam so leicht ein deutscher Soldat nicht ins Geschäft, schon der Unkenntnis der Sprache halber nicht und auch weil der Kleinhandel in Polen das jüdische Gewerbe ist, und weil darin eben eins der Geheimnisse der Existenz des jüdischen Volkes liegt, daß es immer verstanden hat, sich in die veränderten Verhältnisse zu finden. Ob der Pole im Handel so ehrlich ist, wie es in Westeuropa Norm ist, wer von den deutschen Soldaten vermochte das festzustellen? Sie sahen nur den Juden (die Polen halten sich ja fast ostentativ fern). sie handelten nur mit den Juden, sie fühlten sich übers Ohr gehauen nur von Juden. Aber nur übers Ohr gehauen? Frage doch einer die deutschen Soldaten in den Provinzstädten und -Städtchen, was sie vom Juden halten. „Ein armes Volk, aber ein fleißiges, rühriges Volk. Nicht immer zuverlässig in Maß und Gewicht, aber ohne den jüdischen Händler wären wir längst verkommen. Er nimmt hohe Preise, aber er besorgt auch Ware." Hundertmal habe ich es gehört und es ist ja auch bekannt, daß das Verhältnis zwischen dem gemeinen deutschen Mann und den Juden fast ohne Ausnahme ausgezeichnet ist. Nur die jüdischen Soldaten empfinden es anders, Sie fühlen sich verantwortlich für jede Kopeke, um die der jüdische Händler die Ware verteuert. Das Elend hat man anwachsen lassen, ohne sich danach auch nur umzusehen, die Proletarisierung des Großteils des jüdischen Volkes in Polen seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts hat man bepbachtet, ohne darüber nachzudenken, der Begriff der jüdischen Gemeinbür'gerschaft galt und gilt als verpönt, — aber jetzt, wo die Folgen davon in unseren Gesichtskreis treten, in den Gesichtskreis der anderen treten, der Deutschen, jetzt fühlt man sich mit betroffen. Und alles, worüber der deutsche Soldat achselzuckend und mit einem gewissen gutmütigen Verständnis hinweggeht, wird im deutschen Juden zur fressenden Wunde, zur bohrenden Angst, man könnte ihn identifizieren. Es ist nicht wahr, daß der Jude in Polen im Handel nichts sehe als eine Möglichkeit der Gaunerei. Es ist eine niederträchtige, es ist eine dumme Verleumdung. Wer d?.n? war al1 Jalire hindurch der Vermittler deutschen Exports nach Rußland? Jüdische Kaufleute in Warschau und Lodz. Jüdische Agenten Waren in Russisch- Polen die Vertreter der großen deutschen Häuser, und sie machten nicht nur gute Geschäfte, auch ihre Rechnungen haben immer gestimmt. Man sollte ein wenig vorsichtig sein mit der allgemeinen Behauptung von Lug und Trug der Juden, denn es ist