Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Deutsche Juden und polnische Juden
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 144 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Julius Berger: Von 400000 Juden Warschaus sind 200000 Proletarier, davon mehr als die Hälfte Paupers* Nicht anders ist es in Lodz und in Wilna. Hat einer dieser eifrigen Kolporteure vordem gewußt, daß es lächerliche Verschwendung war, die Slums in London zu stüdieren, oder die Downtown von New York nach sozialen Tiefen zu erforschen, wo man all dieses zwölf Stunden von Berlin und fünf von Breslau in den Judenstädten von Warschau und Lodz viel näher hatte und viel gräßlicher? Eine Welt hatte sich vereinigt, um Not und Elend zu lindern, soziale Wohlfahrt zu fördern, Löhne zu steigern, Kinder zu schützen, überall in der Welt, für jeden Arbeiter in der Welt — aber auch für den jüdischen Arbeiter in Lodz und für das Judenjüngel in Warschau? Hat denn einer im Frieden nachgedacht über die Entwicklungsmöglichkeiten eines Volkes, dem die Unfähigkeit russischer Verwaltung und die Todfeindschaft polnischer Machthaber und der Volksverrat seiner eigenen polonisierten Vertreter in gleichem Maße jeden Weg nach oben systematisch abschnitt? In den Judenstädten von Warschau, Lodz, Wilna lebt mehr als ein Viertel des jüdischen Volkes in Polen in einem menschenunwürdigen Zustand, Häuser gibt es mit mehr als tausend Bewohnern und darin Höfe, auf denen jeweils mehr als zweihundert Kinder vegetieren, aufwachsen ohne Gott und ohne Lehre, einzig beeinflußt und erzogen vom Milieu. Niemand kümmert sich um sie, kein Staat und keine Gemeinde, bis zu dem Zeitpunkt, wo sie reif sind für den Staatsanwalt und — die deutschjüdische Verachtung. Keller sind dort, die liegen hinter und unter einem Keller, und auf einem Räume von acht Metern im Geviert schlafen auf Lumpen und Säcken ebenso viele Menschen, Männer und Frauen; die haben diese Lumpen für acht Stunden als Bett gemietet und warten — bar der Kleider — auf die nächste Schicht, die nach ihnen die Betten mietet und ihnen die Kleider leiht zum Betteln. Nichts ist da von irgendeiner sozialen Vorschrift, es sei denn die Pflicht zur Mietezahlung, nichts von irgendeiner sozialen Fürsorge, es seien denn die kümmerlichen Reste des jüdischen Sittengesetzes. Berufe gibt es da, wie diese: Straßenbahnkarten von der Gesellschaft zu kaufen — im Hundert und mit 5 Prozent Rabatt — und an den Haltestellen zu stehen und sie den Fahrgästen anzubieten; den Pfropfenzieher den Bauern in der Markthalle zu verleihen, damit sie den Kork aus der Schnapsflasche entfernen können, ohne das kostbare Gefäß zu beschädigen. Keiner kümmert sich um das Elend, keiner, gar keiner. Die russische Regierung stand vor dieser Aufgabe ebenso unfähig und ebenso unwillig wie vor allen anderen der Verwaltung. Die polnischen Behörden wußten und wissen — auch jetzt während der Besetzung — nur eines: das jüdische Elend zum eiternden Geschwür werden zu lassen, das nicht mehr geheilt, das nur durch Ausschneiden beseitigt werden kann. Und offizielle Vertretung der polnischen Juden, die jüdischen Gemeindeverwaltungen, sahen und sehen auch heute noch nur eine Aufgabe: den Polen gefällig zu sein. Ein unerhörtes Wahlrecht hat die jüdischen Gemeinden Polens zum Vertreter von sage und schreibe einem Prozent der jüdischen Bevölkerung gemacht, zum Organ ausschließlich der winzigen, aber alles beherrschenden polonisierten Oberschicht, die es sich als ein Verbrechen am polnischen Volk anrechnen wurde, auch nur einen Finger zu heben für Juden und gegen Polen. Darum geschah nichts, geschähe auch nichts, wenn nicht die ungebrochene Kraft des jüdischen Volkes und sein unbezwinglicher Lebenswille sich durchrängen durch Elend und Vergewaltigung. Weiß einer, wie die Polen heute die Juden behandeln? Frage man doch die deutschen Beamten und Offiziere, die davon wissen, warum in Warschau seit Monaten schon die Frauen der jüdischen Soldaten im russischen Heere