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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 143

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Deutsche Juden und polnische Juden
Date
1916-06-01
Page
143 (sequence 7)
Language
German
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Deutsche Juden und polnische Juden 143 Berliner Anweisung nötig haben. Was aber die politische Seite anbelangt, so ist dieses festzustellen: Das große Dreimillionenvolk der Juden im von den Deutschen besetzten Gebiete hat einen jüdischen Beamten in Warschau, der ein speziell jüdisches Dezernat (Schule und Kirche) zu verwalten hat. Dutzende von Beamten, der polnischen Sprache mächtig, sind aus den Reihen der deutschen Polen in die Verwaltung des besetzten Gebietes genommen worden, und nur ein einziger Jude. Bei allem Respekt vor seiner ausgezeichneten Tüchtigkeit und vorbildlichen Hingabe kann man unmöglich behaupten, daß damit die Interessen der Juden in Polen einigermaßen genügend vertreten sind. Niemand sonst ist da, dessen Erfahrung in jüdischen Dingen, dessen Kenntnis der jüdischen Verhältnisse in Pölert, ausgenutzt werden könnte. In allen die Juden betreffenden Dingen tappt die Verwaltung im Dunkeln, ist sie auf Intuition und guten Glauben angewiesen. Ist das etwa die Wirkung jener Propaganda, die keinen andern Weg wußte, um das deutsche Interesse für die jüdischen Dinge zu erwecken, als die Gleichsetzung der beiden Begriffe? Aber eine andere Wirkung beginnt sich zu zeigen. Eines hätte man von der eifrigen Tätigkeit der Komitees erwarten dürfen: Aufklärung über die polnischen Juden in Deutschland. Statt dessen ergießt sich eine Schlammflut über die Juden Polens, beschmutzt ihren guten Namen, vergiftet jede Hilfsbereitschaft, erstickt jede politische Möglichkeit. Aus deutschen Quellen, aus deutsch-jüdischen Quellen wird der Strom gespeist und überflutet ein wehrloses Volk. Deutsche Soldaten, Juden sind im Krieg in Polen gewesen, deutsche Zivilisten, Juden haben Polen irn Krieg bereist, acht Tage, einen Monat, ein Vierteljahr. Und kommen wieder, heben die Hände abwehrend und wissen nichts zu äußern als den einen Wunsch, Gott und eine vernünftige Regierung möchten uns vor diesem Volk behüten. Und keiner erhebt seine Stimme gegen diesen verbrecherischen Wahnsinn und keiner die Hand für ein Volk, unglücklich wie kein anderes je gewesen ist. Da ihm der Krieg alles genommen hat, soll ihm jetzt auch die Ehre genommen werden, und. da eine Weltkatastrophe dem Osten eine neue Freiheit zu geben verspricht, sollen die Juden in neue Unfreiheit hinabgestoßen werden. Glaube keiner, daß hier übertrieben werde, daß man die Gefahren vergrößere, die den polnischen Juden aus den trüben Erzählungen ihrer deutschen Brüder drohen. Man frage heute einen Politiker in Deutschland oder Österreich, einen Gelehrten, einen Bürger. Was anfangs das Gerede eines Einzelnen war, ist fast die allgemeine Überzeugung geworden: es lohnt nicht um die polnischen Juden, Schluß mit den polnischen Juden, ein schlechtes Volk die polnischen Juden. Und gründet sich auf vollwertige Belege: Juden sind die Ankläger und jüdische Zeugen stützen das Urteil. Darf man hier von Judenfeindschaft reden? Auf diesen Blättern soll nicht von Antisemitismus geredet werden. In ein paar knappen Sätzen sei von dem Heldentum des jüdischen Volkes in Folen gesprochen, von seiner Treue, von seiner Bewährung und unerhörten Lebenskraft. Mit einigen Worten muß auch der Lage der polnischen Juden gedacht werden, ihrer materiellen Not und ihrer politischen Bedrängnis. Mit einigen Worten nur. Denn jedes ist schwere Pein. Wer ist es denn, der heute von den polnischen Juden redet? Hat einer von diesen Sittenrichtern früher etwas davon gewußt, daß der größere Teil seines Volkes, Enkel seiner Ahnen, Verwandte seines Blutes, in einem Elend lebt, das nur zu ahnen seine Denkkraft nicht ausreicht?

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