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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 142

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Deutsche Juden und polnische Juden
Date
1916-06-01
Page
142 (sequence 6)
Language
German
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142 Julius Berger: nicht kennen, ihre Seele nicht verstehen, die weniger von den polnischen Juden wissen, als jeder deutsche Soldat, der einige Monate dort verbracht hat und in diesen Schriften nichts von dem erklärt findet, was er tagtäglich vor Augen sieht. Um so eifriger aber trieb man „Politik". Für jede noch so komplizierte Frage hatte man eine fertige Lösung auf Lager. Für die Sicherung der jüdischen Volkseinheit — die politische Autonomie der jüdischen Nation in Polen, nationale Kurie und Matrik. Sollten aber die Polen die politische Autonomie der Juden ablehnen, so begnügte man sich mit dem Postulat einer entgegengesetzten Auffassung, mit der kulturellen Autonomie. Das Einfachste war diesen Erlösern der polnischen Juden, denen in der Fixigkeit wirklich keiner über war, die Lösung der Sprachenfrage, um die bekanntlich seit Jahren ein heftiger Streit in der russischen und polnischen Judenheit tobt. Was den polnischen Juden noch lange nicht geklärt erscheint, war den deutsch-jüdischen Beratern, die mit einiger Anstrengung Jiddisch von Hebräisch unterscheiden konnten, die einfachste Sache: nur die jiddische Sprache ist als offizielle Unterrichtssprache möglich, und die Forderung des Hebräischen ist verstiegen. Sollte aber diese Lösung den Streit und die Parteiung im jüdischen Lager vermehren und vertiefen, gibt es auch dafür ein einfaches Mittel: die Gründung einer neuen jüdischen Volkspartei. Den Widerstand der Polen beseitigt man, indem man ihnen klar macht, daß ein starkes jüdisches Volk die innere Ruhe im Lande und damit die Möglichkeit der ungestörten Entwicklung der polnischen Nation und ihrer Behauptung gegen alle äußeren Gegner verbürgt, und für die Deutschen propagiert man den Pufferstaat von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, dessen eigentliche Bedeutung für die Deutschen darin bestehe, daß in ihm der polnische Übermut durch die Majorität der nicht polnischen Völker gebändigt würde. Mit derlei Methoden suchte man Einfluß zu gewinnen und mit der doppelten Fiktion, daß man sich bei den Vertretern der besetzenden Mächte als Wortführer der polnischen Juden einführte und den so erlangten Zutritt dazu ausnutzte, sich bei den polnischen Juden ein Ansehen zu geben. Wer hat diesen Befreiern der Ostjuden ein Mandat gegeben? Welcher einigermaßen berufene Kreis polnischer Juden hat sie beauftragt, auch nur einen Finger für sie zu rühren, hat ihnen die Autorisation zu einer der vielen Veröffentlichungen gegeben, die die ganze Sachlage entstellt und verwirrt haben? Wer aber wird für die eingeworfenen Fensterscheiben aufkommen und die so freigebig ausgestellten Wechsel einlösen müssen, wenn nicht die polnischen Juden? Ist es zu verwundern, daß* die polnischen Juden verstört, erschreckt, empört diesem Treiben zuschauen, das sie nicht beeinflussen können? Die Polen aber sind erbitterter, als sie je waren. Sie fühlen sich getäuscht und geblufft und glauben endlich den wahren Inhalt des jüdischen Volkes in Polen entdeckt zu haben: seine (von deutschen Juden erfundene) deutsche Seele. Bliebe noch die Frage zu erörtern, wie diese Dinge auf die deutsche Verwaltung der besetzten Gebiete gewirkt haben. Es ist natürlich unmöglich, darüber etwas Positives zu behaupten, man kann höchstens aus den Tatsachen die Schlüsse ziehen. Tatsache ist, daß das Hilfswerk in seiner heute betriebenen Art nicht dazu beigetragen hat) die Stellung der polnischen Juden gegenüber den deutschen Behörden zu stärken. Sie erscheinen vielmehr alles in allem als Almosenempfänger, die offenbar nicht imstande sind, aus eigener Kraft sozial zu wirken, sondern für alles und jedes die

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