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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 141

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Deutsche Juden und polnische Juden
Date
1916-06-01
Page
141 (sequence 5)
Language
German
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Deutsche Juden und polnische Juden 141 haben, das selbstverständliche Gebot, nichts zu unternehmen ohne Befragung der polnischen Juden, Schon das eigenartige Verhältnis der Polen zu den Deutschen verlangt von den deutschen Juden überall da äußerste Zurückhaltung, wo die Stellung der Juden zu den Polen zur Debatte steht. Zum mindesten natürlich muß von allen, die an diese schweren Fragen herangehen, die gründliche Kenntnis des Gegenstandes verlangt werden. Es ist sehr bedauerlich konstatieren zu müssen, daß diese Voraussetzungen von denjenigen Herren nicht erfüllt worden sind, die mit viel Geräusch und nicht ohne Selbstgefälligkeit sozusagen als Vertreter der deutschen Juden es auf sich genommen haben, den Vermittler zwischen den Juden Polens und den besetzenden Mächten darzustellen. Es war eine merkwürdige Logik, die diese Herren zu Wege brachten. Auf der einen Seite betonte man die Einheit des jüdischen Volkes in Polen und verlangte vom Eroberer die Respektierung der jüdischen Nation, zugleich aber verkündete man urbi et orbi die Lehre von der Wesensverwandtschaft des polnischen Judentums und des Deutschtums. Deutsch war nach dieser Lehre die Politik, deutsch die Ökonomie, deutsch war vor allem die Sprache des jüdischen Volkes in Polen und darum, so argumentierte man, müssen die Deutschen anerkennen, daß die polnischen Juden ein Volk für sich sind. Die jiddische Sprache ist, so wurde in unzähligen Artikeln und Broschüren immer wieder festgestellt, nur ein Glied des deutschen Sprachkörpers» aufs engste verwandt mit der deutschen Sprache, und eben darum, hieß es weiter, muß sie gehegt und gepflegt und darf nicht von der deutschen Sprache aufgesogen werden. Wenn es fast komisch anmutet, daß man die Sonderart eines Volkes damit zu belegen versucht, daß man seine enge Verwandtschaft mit einem anderen behauptet, und wenn ja heute wohl schon feststeht, daß die Deutschen das stärkere logische Gefühl hatten und nur diese Konsequenz zogen, daß es eine unnütze Komplizierung der Verhältnisse bedeute, eine jüdische Art besonders zu pflegen, die nach der Behauptung ihrer Vorkämpfer nur eine Abart der deutschen ist, so ist mehr noch die Verwirriang zu beklagen, die durch diese Methode in das an und für sich komplizierte Verhältnis der Juden zu den Polen getragen wurde. Noch ist die deutschpolnische Verständigung nicht so weit gediehen, daß man ohne Schaden für die Juden die — ganz falsche — Darstellung wagen darf, deutsche und jüdische Interessen, deutsche und jüdische Zukunft, deutsche und jüdische Sprache in Polen seien identisch. Damit ist der schwere nationale Kampf, den die Juden gegen die Polen zu führen haben, von außen her vergiftet, und was die Juden als ihr eigenstes Volksbedürfnis aufstellen, erscheint heute den Polen nur als ein Vorwand und ein Buhlen um deutsche Gunst. Das Schlimmste aber war die Unwissenheit der Komitees und ihrer Leute. Große deutsche Heere, Millionen deutscher Soldaten weilen jetzt beinahe zwei Jahre unter einem Volke, von dem sie nur das Elend sehen und das das Unglück hat, daß die Deutschen glauben, seine Sprache zu verstehen, und es eben darum dauernd mißverstehen. Sie haben keine Möglichkeit, in die Innerlichkeit dieses Volkes einzudringen, sie sehen nur seine Erniedrigung und sie ahnen nichts von seinen tiefen Schönheiten, von seiner unerhörten Geschichte, von seinen heiligen Hoffnungen. Ein ungeheures tragisches Mißverständnis flutet von hier hinüber nach Deutschland. Dem suchte man zu begegnen mit Schriften und Artikeln, geschrieben und abgeschrieben fast ohne Ausnahme von Leuten, die nie unter polnischen Juden waren, die ihre Sprache

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