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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 140

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Deutsche Juden und polnische Juden
Date
1916-06-01
Page
140 (sequence 4)
Language
German
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140 Julius Berger: Judenheit und aus hundert anderen auf der Hand liegenden Gründen berufen. Sie war aber offensichtlich den Herren der Berliner Zentrale zu selbständig, die in ihrer Hand ruhende Macht erschien Berlin zu groß, und so ist diese Warschauer Stelle, die ganz ausgezeichnet gearbeitet hat, allmählich enteignet worden, und heute besteht in Warschau nur noch ein Lokalkomitee ausschließlich für die Warschauer Bedürfnisse. Alle Orte haben sich jetzt immer direkt an Berlin 2u wenden und man kann sich leicht vorstellen, welche Fülle von Verzögerungen und schlechter Handhabung daraus folgt. Andererseits fehlen aus bekannten Gründen, die hier nicht erörtert werden sollen, den polnischen Juden diejenigen Beziehungen zu den deutschen Behörden, die erreichen würden, daß bei den Kriegsmaßnahmen, die die Juden betreffen, von vornherein die Möglichkeiten, ditdas Hilfswerk gewährt, in Anspruch genommen würden. Wenn man beobachtet hat, wie gerne die deutschen Behörden von diesen Möglichkeiten Gebrauch machen, die ihnen ja die Arbeit erheblich erleichtern, kann man nur um so mehr bedauern, daß gerade an diesem Punkte den polnischen Juden die Erfahrung und Anleitung der deutschen Juden nicht zur Seite stehen, die ihnen nur zu leicht da vorgesetzt wird, wo sie die Lage selbst viel besser verstehen. Das Hilfswerk ist, wie es heute betrieben wird, in Gefahr, keine andere dauernde Wirkung in Polen zu hinterlassen, als die bekannten Nebenerscheinungen einer sozial rückständigen Philanthropie, und die unvergleichliche Möglichkeit einer sozialen Betätigung größten Umfanges zu einer organisierten Erziehung zum Schnorrertum herabzudrücken. Dem kann nur dadurch abgeholfen werden, daß schleunigst alles geschieht, um die polnischen Juden selbst zur Verwaltung dieser Gelder und zur Leitung dieser Aufgabe heranzuziehen, ihnen die Frage des Hilfswerks als eine einheitliche Angelegenheit zur Lösung zu unterbreiten, sie zu veranlassen, ein einheitliches, organisches System dafür zu finden, und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr soziales Vermögen an dieser Aufgabe zu schulen, mit Hilfe und nach Beratung mit den deutschen Juden, nicht aber nach ihrer Anweisung. Und die deutsche Hilfszentrale möge sich bescheiden, das zu sein, was zu sein ihr zukommt: ein Sammelpunkt der Mittel und Kräfte, die vorbehaltlos zur Verfügung gestellt werden sollen überall da, wo ein einheitlicher Plan und der erkennbare Wille der polnischen Juden sie verlangt. Nur dann auch wird der Gelegenheit vorgebeugt sein, die immer einen starken Reiz, sie zu benützen, in sich bergen wird: den politischen Einfluß, der auf den großen Mitteln des Hilfswerks beruht, im Sinne der Ansichten der deutschen Hilfszentrale zu verwerten. So wie die Hilfsgelder unumschränkt und ohne jeden Vorbehalt den polnischen Juden zu gehören, so wie sie und sie allein über ihre Verwendung und über die Organisation zu entscheiden haben, so gebührt ihnen und ihnen allein die Entscheidung über die politischen Möglichkeiten, die der Besitz dieser Gelder unter Umständen gewährt. Es ist ein großes Unrecht, daß sie heute von diesen Chancen ganz ausgeschlossen sind, und ein noch größeres, daß dieser Einfluß trotzdem ausgeübt wird, ohne, ja vielleicht gegen die Meinung der polnischen Juden. Um die politischen Bemühungen der deutschen zugunsten der polnischen Juden sieht es überhaupt sehr schlimm aus. Hier ergab sich allein aus der Kompliziertheit der Verhältnisse, die an Unklarheit und Verknüpfung kaum ihresgleichen

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