Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 139

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Deutsche Juden und polnische Juden
Date
1916-06-01
Page
139 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875865-3103834--0221-3103869
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Deutsche Juden und polnische Juden *39 krassen Undanks angesehen wurden. Und während jetzt allgemein beim Kriegshilfswerk, auch beim staatlichen, das Streben dahin geht, die Notleidenden selbst im weitesten Umfang zur Verwaltung heranzuziehen und so der Kriegshilfe den Charakter der Unterstützung möglichst zu nehmen, ist bei dem von den deutschen Juden organisierten Hilfswerk nichts von diesem Geiste zu spüren. Der mehr oder minder zufällige Umstand, daß die amerikanischen Hilfsgelder für Polen in Berlin zusammenfließen, gab noch keinen zureichenden Grund dafür, die ganze Arbeit in Berlin zu zentralisieren. Auch wenn man von dem organisatorischen Vermögen der polnischen Juden, insbesondere im Kriege, keine allzu hohe Meinung hat, so gab es doch für das jüdische Hilfswerk nur einen rechtmäßigen Weg: die Verwaltung der für die polnischen Juden und zum großen Teil von polnischen Juden in Amerika aufgebrachten Mittel den polnischen Juden selbst zu übertragen. Der deutschen Hilfszentraie wäre dabei immer noch eine überaus dankenswerte Aufgabe verblieben, indem sie ihre organisatorische Erfahrung und ihren bewährten Apparat zur Verfügung gestellt hätte. Sie hätte auch den Verkehr mit den Behörden übernehmen und regeln können und es ist ganz zweifellos, daß eine solche Form organisierter Mitarbeit überall, bei den Spendern, bei den Notleidenden und bei den Behörden gerne gesehen und mit Dank aufgenommen worden wäre. Heute liegt es gerade umgekehrt. Dort, wo die soziale Erfahrung der deutschen Juden in Erscheinung treten könnte und müßte, bei der lokalen Organisation, sind die polnischen Juden, denen diese Erfahrung fehlt, auf sich selbst angewiesen. Die Verwaltung der Gelder aber, die Bestimmung darüber liegt in den Händen der Berliner Zentrale, die im besten Falle und beim besten Willen nicht im entferntesten so mit den Dingen vertraut sein kann, wie es eine im Lande selbst arbeitende und aus Kennern der Lendesverhältnisse bestehende Organisation wäre. Dem ist es zuzuschreiben, daß das Hilfswerk, dessen Sammlung in Amerika so großartig angelegt ist, bei seiner Ausführung in Polen das Großzügige ganz vermissen läßt. Das deutsche Hilfswerk hat erst vor kurzem mitgeteilt, daß durch seine Vermittlung acht Millionen Mark eigener und fremder (soll heißen: zum weitaus überwiegenden Teil fremder, d. h. amerikanischer) Hilfsgelder nach Polen geflossen sind. Mit dieser großen Summe ist unverhältnismäßig wenig geleistet worden. Zwar sind einige Anstalten errichtet worden und an manchen Stellen kann man natürlich auch sehr erfreuliche Ergebnisse des Hilfswerks wahrnehmen. Im großen ganzen fehlt aber alles Bleibende, an sehr vielen Stellen äußert sich heute noch die Hilfsaktion der Berliner Zentrale lediglich in der Überweisung baren Geldes an irgend ein lokales Komitee, oft mit der ausdrücklichen Bestimmung?,zur Verteilung (!) unter die notleidenden Juden". Und wenn, man auch die Schwierigkeiten, die sich einer großzügigen Durchführung des Hilfswerks entgegenstellen, nicht unterschätzen darf, so ändert das nichts an der Tatsache, daß jede Einheitlichkeit im Hilfswerk fehlt. Die Volksküchen z. B. arbeiten jede für sich, die gegenseitigen Erfahrungen werden nicht ausgetauscht, die Einkäufe erfolgen oft in den kleinsten Mengen und zu den höchsten Preisen bei den Kleinhändlern des fraglichen Ortes. Auch die Behörden wissen nicht, an wen sie sich zu wenden haben. Bei plötzlich notwendig v/erdenden Evakuationen z. B. mußte es als großer Glückszufall betrachtet werden, Wenn zufällig irgend eine Nachricht davon nach Wärschau gelangte und so die Warschauer Hilfszentraie in den Stand gesetzt war, einzugreifen. Diese Warschauer Zentrale stellte ursprünglich die eigentliche Zentrale für das polnisch-jüdische Hilfswerk dar und war dazu auch nach der ganzen Bedeutung der Warschauer icP

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.