Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Polen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 439 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 439 land und dem großagrarischen Rußland wird ein politisch noch so befreites Polen allmählich in wachsende Abhängigkeiten von den anderen großen Staaten geraten, wenn es nicht verstehen wird, die geeinte Kraft seiner sämtlichen Bürger restlos für sich zu verwerten: dann muß es aber diesen Bürgern, auch denen der Minderheitsnationalitäten ein wohnliches Heim aufbauen, nicht durch tölpelhafte Reaktion die Wurzeln des neu gefesteten Baumes ausdorren. Bei richtiger (und dann übrigens notwendig stark sozialistischer) Wirtschaft wird von einer wirklichen ,,Übervölkerung" Polens noch lange keine Rede sein können; ein nationalistischer Wirtschaftstaumel aber, mit allerhand äußeren und inneren Boykottmitteln betrieben, wird freilich sehr bald Verelendung, Übervölkerung, Auswanderung und weitere Verarmung im Gefolge haben. Und glauben dann die Polen etwa, mit solchen Mitteln moralische Eroberungen in Ost und Süd machen zu können, in den Gebieten ihrer imperialistischen Träume, in Litauen und Weißrußland, Wolhynien und Podolien? Hegen sie etwa den Wahn, durch vorrevolutionäre Nationalitätenpolitik ein Reich aufrechterhalten zu können, in dem sie am Ende gar nur eine relative Majorität bilden würden? Eine „Herren"nation von gestern regierte kraft des Waffenzufalls und des Rechts der Bajonette allein; die herrschenden Nationen von morgen werden sich in ihrer höheren Lage nur halten können, wenn sie durch möglichst gerechte und weise Organisation die Völker befriedigen: dies unter anderem das große Geheimnis der vielen Erfolge Englands . . . Was zu einer nationalen Autonomie der Juden gehören würde, wissen die Polen natürlich ganz genau*); nur wehren sie sich bis heute aufs äußerste dagegen, irgendwelche Beeinträchtigungen der Hoheit ihres Staates davon befürchtend. Und übersehen dabei die einfache Tatsache, daß umgekehrt gerade die Gewährung der Autonomie ihr Land von einer möglichen jüdischen „Gefahr" erst befreit. Das wußten bereits sehr gut ihre staatlichen Vorfahren, als sie den Juden Jahrhunderte hindurch in immer neuen Formen — und natürlich im Rahmen des damaligen strengfeudalen Adelsregimes — eben die nationale Autonomie gewährten; nur so wurde die damals als selbstverständlich betrachtete und von beiden Seiten unbedingt verlangte reinliche Scheidung zwischen den beiden Konfessionen und Nationen ermöglicht. Gewiß sind heute die Ver- *) In der trefflichen und streng sachlich begründeten Schrift von Dr. Max Rosenfeld „Die polnische Judenfrage" ist von jüdischer Seite das Programm bis ins Einzelne ausgearbeitet. hältnisse ungeheue'r verändert und wesentlich komplizierter geworden — aber die einfache Wahrheit bleibt bestehen, daß die im großen auch heute von beiden ^Seiten gewünschte reinliche Scheidung des nationalkulturellen Lebens (bei gemeinsamer staatlicher Grundlage) nur auf dem Wege der nationalen Autonomie erreicht werden kann. Die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in Polen^ mag sie vorerst noch mehr auf dem Papier stehen, ist heute durch die internationale und humanitäre Konstellation schlechthin nicht mehr zu verweigern; niemals mehr wird sie angetastet werden dürfen, wenn dies Land vor den anderen bestehen bleiben will. Wird nun diese Gleichberechtigung nicht durch die nationale Autonomie ergänzt, so bekommt Polen mit seinen drei Millionen Juden gerade das, was es so sehr befürchtet: ein Judäo polen, indem die Juden gerade auf Grund der bloßen Gleichberechtigung Aspirationen auf entsprechende Beteiligung an allen Zweigen des öffentlichen Lebens und der Verwaltung des Landes als. Polen werden erheben müssen; nicht nur der bitter nötige wirtschaftliche Aufschwung des Landes wird dann durch die so entstehenden scharfen Konflikte und Reibungen gehemmt, sondern auch seine außenpolitische staatliche Stellung wird unweigerlich erschwert. Durch eine Autonomie aber wird den jüdischen Volksmassen jeder Grund zur Einforderung ihres vollen entsprechenden Machtanteils am gesamten Staatsleben des Landes fortfallen; ihre Kräfte werden sich der Ordnung und Hebung ihres eigenen nationalkulturellen Lebens zuwenden, während in den Fragen des. großen staatlichen Daseins ihre absolute Treue gegenüber dem Heimatlande — unbeschadet der parteipolitischen Stellungnahme des Einzelnen — zum allein leitenden Grundsatz erhoben werden wird. Die Polen erhalten so alles, was sie von uns auf staatlicher Grundlage nur fordern können: zugleich die unbeschränkteste Loyalität in der Erfüllung aller staatsbürgerlichen Pflichten und die geringstmögliche Beeinflussung des staatspolitischen G esamtlebens des* Reiches. Noch eins. Während bei einer rationellen Gestaltung seines Wiederaufbaus das Land zunächst noch alle seine Menschenkräfte brauchen wird, muß mit Bestimmtheit damit gerechnet werden, daß baldmöglichst eine gewisse Emigrationsbewegung unter den polnischen Juden — in erster Linie nach dem entstehenden jüdischen Palästina — einsetzen wird. Nur die freie nationale Selbstverwaltung vermag eine solche Bewegung zu einer großen Kolonisationsaktion auszubauen; ohne diese Autonomie aber würde die Emigrationsarbeit;