Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Polen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 440 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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440 Bemerkungen in irregulären Stößen verlaufen und die wirtschaftliche Kontinuität des Landes ungünstig beeinflussen. Pauperisierte Volksmassen endlich, wie sie eine falsche Judenpolitik in Polen immer noch zu züchten droht, wären zu einer Kolonisationsaktion größeren Stils überhaupt nicht fähig und würden erst recht der Wirtschaftsentwicklung des Landes, ungewollt, hemmend im Wege stehen. Nicht nur die höchste Gerechtigkeit fordert demnach neben der bürgerlichen Gleichberechtigung die nationale Autonomie der Juden in Polen: sondern auch die kühlste rein polnische Staatsraison muß sie notwendig gebieten. Die Befolgung der entgegengesetzten „national-demokratischen" Parole, Ausfluß eines blinden und schädlichen Ressentiments bitterer Zeiten, wäre nicht nur ein moralisches Vergehen gegenüber dem polnischen wie dem jüdischen Volke, sondern noch eine politische Dummheit ersten Ranges obendrein. — Und während diese Zeilen geschrieben wurden, kommt die erschütternde Nachricht vom zweitägigen monströsen Massaker in Lemberg, unmittelbar und automatisch nach der siegreichen Einnahme der Stadt durch die polnischen Truppen, unter den Augen des kommandierenden Generals Roja, unter den Händen nicht nur eines begünstigten Mordpöbels, sondern auch Hunderter von Soldaten; erst der Übergang zur allgemeineren Plünderung auch polnischer Geschäfte führte — nach zwei Tagen!-Tzur Verkündüng des Standrechts, mit sofortigem Erfolg; nachdem bereits weit über tausend jüdischer Leichen, zerfetzt und verkohlt, ein neues Martyrium kündeten. Sind die Würfel gefallen? Arbeiten bereits die machthaberischen heutigen Vertreter der verruchten spezifisch polnischen Spielart des ancien regime, die ja das Land einmal schon in den Abgrund gestürzt hat, an der Herbeiführung einer neuen Reaktionsperiode für ihren Staat? Soll die polnische Judenfrage erst von außen her, durch eine erzwungene Intervention des großen Völkerbundes, zur gerechten Losung gebracht werden? Doch nein. Das erwachte reinere polnische Volk wird diesmal nicht willenlos zuschauen wie vor 1772. Es wird selbst aufstehen, als zorniger Schützer seines befleckten Namens, als Rächer der durch sinnlose Verblödung getretenen Völkerrechte, als furchtbarer* Rächer auch des in Strömen vergossenen unschuldigen jüdischen Blutes. H. G. Der gesamten Auflage dieses Heftes liegt ein Prospekt von Heinrich Hochstim Verlag, Berlin, bei, den wir der Beachtung unserer Leser empfehlen. Für die Redaktion Terantwortlich: Dr. Max Mayer» Berlin W 15, Düsseldorfer Straße 23. — Für Österreich - Ungarn: Dr« M. Präger, Wien I, Rotenturmstrafle 22. — Verlag von R. Löwit, Berlin und Wien. — Druck von Oscar Braudstetter in Leipzig.