Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Polen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 438 (sequence 2)
- Language
- German
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438 Bemerkungen humaner Judengesetzgebung und Verwaltung; oder getretene Völkerrechte—die unweigerlich einmal wieder ihre weltgeschichtliche Rächerstunde heraufbeschwören werden. Zur Judenbedrückung ist für das erstandene Polen keine Zeit mehr; oder es schaufelt sich selber ein neues Verhängnis. Schauen wir uns nur in der Sphäre der staatlichen Wirklichkeit, im Komplex der nationalen und wirtschaftlichen Probleme, sorgfältig um, stellen wir in aller Ruhe und Sachlichkeit die Hauptfrage: was hat das neue Polen von einer falschen, seiner bisherigen, Judenpolitik zu befürchten, was hätte es von einer richtigen Politik zu erhoffen, und welches ist diese „richtige" Politik? Die Zahl der heimatsässigen Polen verhält sich zu der der polnischen Juden ungefähr wie fünf zu eins. Je nachdem die polnischen Juden für oder gegen das herrschende Volk Front zu ergreifen in zwingende Notwendigkeit versetzt werden, entsteht ein formales Kräfteverhältnis von sechs zu vier. Mit einer jüdischen „Irredenta" belastet würde somit das polnische Volk etwa den dritten Teil seiner vollen staatlichen Kraft gegenüber dem günstigeren Zustande einbüßen. Glaubt ein verantwortlicher polnischer Staatsmann, heute einen solchen Kräfteausfall wagen zu können? Glaubt er, die niedere Ressentimentpolitik der bisherigen Ohnmachtsperiode gegenüber den Juden fortsetzen zu sollen? Glaubt er, die antiquierten Ansichten und Methoden der politischen Pfuscher und Charlatane von gestern, der Jelenski und Niemojewski, der Dmowski und Witos, auch im neuen Polen weiter verfechten zu dürfen? Nicht bloß einfache Proteste des Völkerbundes sind dann für die Zukunft zu gewärtigen; nicht bloß die dauernde Feindschaft sowohl der Judenheit, wie der sozialistischen und humanitären Schichten der ganzen Welt würde sich der neue Staat aufladen; er würde vielmehr den großen Völkern, von deren politischer und wirtschaftlicher Hilfe Polen .zunächst enorm abhängig sein wird, zeigen, daß dieser neue Staat auf einer tieferen politischen und sozialen Kulturstufe verbleiben will — und eine politische und wirtschaftliche Tieferstellung Polens in der Welt wäre die unausbleibliche Folge. Zudem bleibt dieses Polen auch fernerhin links und rechts von mächtigen Nachbarn umgeben; eine Trübung seines humanitären Schildes würde diesen Nachbarn jederzeit zumindest die Vorwände zur Diskreditierung und Schwächung des polnischen Staates in die Hände spielen — und was solche ethischen Momente im Leben der Völker bedeuten, haben wir [in diesem Kriege wie eine trostreiche Offenbarung jahrelang erlebt. Die Auferstehung Polens und die Züchtigung seiner Peiniger war die notwendige Nemesis einer langen Periode von Qualen, die dem unterdrückten Volke die mächtigen Sympathien der ganzen Völkerwelt sicherten. Möge sich der jüngste Staat nur keinen Illusionen hingeben: eine weitere Unterdrückung des jüdischen Volkes im neuen Polen würde nur die Glorie des Leidens um dieses dort immer noch religiös schöpferische Volk wecken und nunmehr ihm die Hilfe der ganzen Welt sichern, den polnischen Namen aber schwer schädigen. Schon erheben sich gegenüber den nichtswürdigen Pogromen die deutlich warnenden Stimmen der großen Staaten, von denen Polen jetzt seine Freiheit empfangen hat; schon fragen angesehene sozialistische Neutrale, ob ein nach innen imperialistisches, seine nationalen Minderheiten knechtendes Polen die weitere Unterstützung der westlichen Demokratien noch verdiene. Cavete! Das Gewissen der Welt ging bisher mit euch, für euch; und ihr lauft Gefahr, es fürderhin ausdrücklich gegen euch zu stimmen. — Die neue Weltkonstellation hat der ersten Regierung des befreiten Polens das Versprechen der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden abgerungen; das selbstverständliche Minimum scheint so formal gesichert. Der tiefere Inhalt der Frage ist aber dieser: wird der polnische Staat es verstehen, die politischen und wirtschaftlichen Kräfte der einheimischen Judenheit in rationellster Weise für sich zu nutzen? Vor dem Kriege galt es in den Kreisen der antisemitischen Theoretiker Polens als Axiom, daß man die Juden eigentlich „nicht mehr brauche**; daß ihre hauptsächliche wirtschaftliche Funktion, die der Vermittlung nämlich, durch den Ausbau einer rein polnischen Organisation des Mittelstandes überflüssig gemacht werden könne — die ganze Boykottbewegung hatte auch nur dieses eine Ziel im Auge. Heute, nach dem Kriege, liegen aber die Dinge völlig anders. Die im ganzen Lande erlittenen Schäden sind unermeßlich; eine weitere Zerrüttung und Paralysierung des wirtschaftlichen Lebens (die jeder Pogrom überdies nur noch unverantwortlich verschlimmert) würde zu katastrophalen Folgen führen. Der Wiederaufbau der Gesamtwirtschaft des Landes und die für seine Zukunft unbedingt notwendige äußerste Anspannung und Entwicklung seiner Produktion wird jede, aber auch jede Menschenkraft benötigen: ob von Polen oder Deutschen, von Ruthenen oder Juden; jeder Ausfall in dieser Richtung wird unersetzlich sein. Zwischen dem großindustriellen Deutsch-