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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 437

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Polen
Date
1918-01-01
Page
437 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN Polen Schau, hier ist neue Welt, neu in den Menschen das Leben . . . Getretne Völkerrechte, wo finden sie doch den Rächer? Slowacki, Ode an die Freiheit. Aller Träume Erfüllung ist den Polen über Nacht geworden. Die drei Imperien, die anderthalb Jahrhunderte hindurch den Leib ihres Landes umkrallten, sind nicht mehr. Das Schicksal hat einem wider das ewige höhere Recht maßlos gepreßten Volke unerhörteste Auferstehung vergönnt; der Dank für langes Martyrium kam wie ein himmlisches Geschenk, wie ein reines Wunder und Gnade, fast ohne dieses Volkes Zutun, durch die geeinten Kräfte einer ganzen Welt, der Freunde wie der Feinde. Und die Schicksalsfrage Polens erhebt sich wieder, trägt nur ein neues Gesicht: wird dieses Volk, vor der Welt, vor dem ewigen höheren Recht, die Prüfung des großen Glückes bestehen? ... Grauenhafte Judenpogrome haben die Geburt der neuen Freiheit bereits an unzähligen Stellen begleitet und befleckt. Wie wurde das möglich? Das gegen drei Großraubstaaten völlig ohnmächtige Volk suchte in den letzten zwei Jahrzehnten seinen erstarkenden Instinkten und Kräften neue Betätigungsfelder zu erschließen und wollte um jeden Preis Siege sehen, organisatorisch, politisch, wirtschaftlich. Die Entladung konnte die mächtigen Großgegner nicht erreichen, nicht treffen; so mußte denn der schwächste „innere Gegner", der zu solchem Behufe nach altem Schema wieder erfundene „innere Feind" herhalten: die Juden ... Der methodische Paroxysmus einer wahnsinnigen Hetze, notgedrungen zuerst rein gesellschaftlich und wirtschaftlich gefärbt, brach beim ersten gleichgültigen Anlaß mit elementarer Wut los. Der äußerste Boykott der Juden gab dem neu aufwachenden Nationalismus der Polen das erste berauschende Gefühl einer Massenkraft, einer starken Massensuggestion wieder. In den Jahren des Krieges dann, da die anderen Nationen wie die Boten des jüngsten Gerichts die Empörung, das Entsetzen, die Bewunderung, die Ekstase der Welt hervorriefen, mußte diese Nation, die zweitehrgeizigste Europas, so gut wie untätig zuschauen: denn keiner der großen Nachbarmächte dujfte sie, wollte sie, angesichts ihrer verborgensten Hoffnungen restlos sich anschließen — am wenigsten dem zunächst so lange siegreichen imperialistischen Deutschland. Die Judenhetze blieb noch immer das einzige Feld restloser politischer „Macht"- auslösung... solange unblutig, als die okkupierenden Fremdheere noch für die äußere Ordnung sorgten... Auf einmal sind nun die Fesseln, alle, in weltgeschichtlicher Entscheidung gesprengt, das Volk ist frei, die so lange aufgepeitschten Instinkte überfluten die geborstenen Dämme — und unschuldiges jüdisches Blut fließt unter ruchlosen Waffen, jüdisches Gut wird geplündert, zerstört und verbrannt unter den Augen der halb passiven halb billigenden „Gesellschaft" und ihrer offiziellen Vertreter; jüdische Selbstwehr wird vorher auf höheren Befehl oder auf eigene Faust der Militärpatrouillen entwaffnet, kein Jude wird in die Bürgerwehren aufgenommen; die im Kriege wucherisch reichgewordenen Bauern sind dann mit die ersten, die die infernalische Jagd einleiten, oft von „gebildeten" Aufwieglern gestachelt; zunächst im dunkelsten Galizien, dem Hauptland der miserablen, reaktionären Schlachtawirtschaf t, morgen aber vielleicht überall in den polnischen Gauen — wenn nicht noch rechtzeitig die veränderte Weltlage die Kräfte des Volkes von sinnloser verbrecherischer Mißleitung zu höheren Zwecken reißt, den Namen und die Zukunft Polens noch in der Schicksalsstunde rettet. — Wir Juden werden das in den letzten Wochen in Galizien Geschehene niemals vergessen, und nur mit bitterer Selbstüberwindung verzeihen. Das neue Polen aber setzt seine Zukunft jetzt tatsächlich aufs Spiel. Bleibt es denn allein in der Welt, einzig durch das schwarze Gespenst des ewigen Juden vom letzten Glück noch getrennt? Entweder ein freiheitliches, freies Polen mit restlos

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