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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 425

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Vom Wesen des jüdischen Gebetes
Date
1918-01-01
Page
425 (sequence 8)
Language
German
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Vom Wesen des jüdischen Gebetes 425 ist sicherlich nicht bloß auf die Angst vor Denunziation und Zensur zurückzuführen, denn diese hat es doch nicht vermocht die Zorngefühle des Volkes gegen ihre Feinde aus dem Gebet zu entfernen. Eher ist diese abstrakte Benennung des „Bedrängers" aus der ganzen national-theologischen Auffassung des Verhältnisses der Juden zu allen anderen Völkern der Welt zu verstehen. Nicht die einzelnen Verfolger sind Gegenstand der Klage, über sie und ihre Realität wird in den Gebeten mit großartiger Verachtung hinweggesehen, sondern schlechthin „der Quäler", der immer derselbe war, heute wie vor tausend Jahren. Die Verfolgungen sind mehr von Gott als von den vollführenden Bütteln gewollt, in ihnen gibt sich Gottes Zorn und Strafe kund. Um sie dennoch hassen zu dürfen, ist fast ein Klügeln nötig, etwa mit Hilfe des Satzes „Von den Bösen kommt das Übel!": zu den Quälerdiensten wird sich Gott wohl übler hassenswerter Menschen bedienen. In Gebeten, in denen Schilderungen von Verfolgungen vorkommen, wird mit starrer, monotoner Hartnäckigkeit die Entschlossenheit betont, in Treue und Liebe auszuharren. Fast jedes solches Gebet schließt mit Worten selbstverständlichster Zuversicht und Gewißheit endlicher Erlösung und Rückkehr ins Land Jissraels. Selbst die Verfolgungen wurden zur Gewähr, aus der das Volk trostreiche Gewißheit schöpfte; warum sonst verfolgte Gott gerade es mit seinem grimmigen Zorn, während die gewißlich unwürdigeren Völker der Welt in Behagen lebten? Die Erlösung säumt, die Zeit ist noch nicht gekommen, und so wird Gott angefleht, daß er das Ende in seiner Gnade beschleunigen möge. Diese Bitte wird meistens von schwelgerischen Ausmalungen der Seligkeiten des Gottesreiches begleitet, deren Geistigkeit sich in glitzernde symbolische Worte, in Wendungen aus dem Hohelied, die allegorisch verstanden werden wollen, kleidet. Die bitterste Klage wird mit Trostworten beschlossen, mit der Hoffnung der baldigen Sammlung der Verbannten und dem Wiederaufbau Jeruschalems. Zuweilen gipfelt die Zuversicht und Erlösungsgewißheit (am stärksten in Malchioth der „Tkiata de'be Rab" für Rosch haschana) in einem religiösen Universalismus, der über das Nationale weit hinausgehend allen Weltbewohnern Erlösung zusichert, im Sinne des Propheten: „Denn damals werde ich verwandeln alle Völker zu einer klaren Sprache, daß alle rufen im Namen Jhwh's, ihm Schulter an Schulter zu dienen." 6. Kurz zusammengefaßt ergeben sich für das zweite Grundmotiv: das Verhältnis Gottes zu Jissrael, folgende wesentliche Hauptmomente: 1. Tiefes Schuldbewußtsein des Einzelnen, niedergelegt in den Sündenbekenntnissen. 2. Schuldbewußtsein der ganzen Gemeinschaft Jissrael (die in einer überzeitlichen Einheit und nicht im jeweilig lebenden Geschlecht gesehen wird). Das Sündenbekenntnis des Volkes schließt gewöhnlich mit der Erinnerung an die verhängnisvollste Folge der Volkssünden: an die Zerstörung des Tempels und an die Verbannung. 3. Klagen über zeitgenössische Verfolgungen, Darstellung der Martyrien und Herabflehen der Strafe über den Bedränger (der ebenfalls abstrakt, übergeschichtlich aufgefaßt zu werden hat). Beteuerung der Treue und Liebe zu Gott, Äußerung des unabänderlichen Willens in Gottergebenheit auszuharren. Heft 8/9. 31

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