Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Vom Wesen des jüdischen Gebetes
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 426 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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426 Ernst Elijahu Rappeport: Aus diesen drei Hauptmomenten ergeben sich, ihnen entsprechend und sie ergänzend, weitere drei: 1. Bitte um gnadenvolle Erlösung aus Unvollkommenheit und Sünde. 2. Bitte um Erlösung des Volkes von seinen geschichtlichen und neuen Sünden, der gewöhnlich zuversichtliche Gewißheit der Vergebung Gottes folgt, geschöpft aus dem Erwähltheits- und Heiligkeitsbewußtsein des Volkes als überzeitliche Einheit und aus den Bestätigungen der national-religiösen Geschichte, Gott wird an den Bund mit den Vätern erinnert und um Beschleunigung des Endes der Leidenszeit angefleht. 3. Aufforderung Gottes zur Gerechtigkeit. Beteuerungen stärkster Zuversicht. Trostverkündung, Ausmalung der Seligkeiten der Erlösung und die Verdammung der Quäler Jissraels. In seltenen Fällen ein Anflug zum Glauben an übernationale, universelle Erlösung. Besonderen Charakter gibt dem nachexilischen Gebet der Umstand, daß es sich in einer ungesprochenen, nur im Buche fortlebenden Sprache entwickelte. Das jüdische Volk war seit der Verbannung in seiner Literatur sicherlich versenkter als im Leben seiner Gegenwart, und auch das dreimal tägliche Beten in hebräischer Sprache hat nicht wenig dazu beigetragen, daß ihm das Hebräische lebendiger blieb, als diejenige Sprache, deren es sich zufällig im täglichen Leben bediente; 'allein durch die Ausscheidung der hebräischen Sprache aus dem alltäglichen Leben wurde sie einerseits feierlicher, großartiger, strenger und kühler, erst dadurch bekam sie die ihr so eigentümliche Weihe der Distanz, anderseits aber mußte diese Zurückgezogenheit schließlich zu ausgearteter Gekünsteltheit führen. Auf Kosten der Wirklichkeitsgenauigkeit entwickelte sie sich einseitig in der Richtung der Ausdrucksfähigkeit für gewisse Gefühlswerte bis zur raffinierten Virtuosität, die zwar oft der Dichtung zugute kam, oft genug aber auch dazu herhalten mußte, Hohlheit und Leere der Empfindung aufzuwiegen. „Durch die jüdische Poesie"*), sagt Franz Delitzsch, „wird das großartige Panorama einer Sprache zur Anschauung gebracht, welche die allerältesten unter den vorhandenen Denkmälern aufzuweisen hat und dennoch nie unterging, sondern in immer neuen Verjüngungen bis auf die Neuzeit sich fortpflanzte; die obgleich exiliert vom vaterländischen Boden dennoch immer die Sprache einer volkstümlichen Literatur blieb, weil das Volk nicht wie das griechische und römische an moralischer Entkräftigung dahinstarb, sondern im Gegenteil durch den unbeugsamen Widerstand gegen alle fremdartigen Einflüsse sich be- , hauptete." Zürich _ Meir Wiener LOBLIEDER Von Ernst Elijahu Rappeport Haschern hat mir gerufen. Ich will Haschern anrufen in Lobliedern. Dem Herrn will ich singen im Jubel. Die Freude meines Lobes sei vor Dir, *) Gemeint ist natürlich die religiöse: bis zu der Zeit, da Delitzsch dies geschrieben hat (1836), war die jüdische Poesie eine wesentlich religiöse.