Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Vom Wesen des jüdischen Gebetes
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 424 (sequence 7)
- Language
- German
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424 Melr Wiener: sich das jüdische Volk schuldig, nicht seinen Quälern gegenüber, sondern vor Gott, und so duckte es sich auch innerlich, Gott suchte es mit Gebeten, wie seine Quäler mit Geld zu beschwichtigen; das Feuer des Grimmzornes sollte umgangen, nicht gewaltsam gelöscht werden. Für seine Quäler empfand das Judentum nur selten animalische Haßempfindungen, sie waren in seinen Augen die Geißel Gottes; nur allein Verachtung blieb für sie übrig, die sich in den Gebeten auch reichlich kundgibt. Die einzige Tat wider die Verfolgungen war das Gebet, in dem Jissrael seinem Gott sein Leid klagte, ihn an den Bund erinnerte und sich selber Mut zusprach: nichts vermag den Bund Gottes mit den Vätern zu lösen! Alle Leiden, alle erlittene Grausamkeit und Unbill, wird mit schlichter trockener Sachlichkeit in den Gebeten und Klageliedern geschildert, eigentlich aber nur in stereotypen Phrasen und Worten. Die größten, schwersten Verfolgungen kleiden sich in Bilder und Worte des traditionellen Berichts von der zwiefachen Tempelzerstörung. Kein Leid besitzt mehr Realität als jene Zerstörungen vor tausenden Jahren; gegen ihre Erinnerung gehalten verblaßt alle schwerste Gegenwart. Unbedingte Treue Gott gegenüber und die Entschlossenheit auszuharren werden immer wieder betont; zuweilen aber, wenn das Maß des Leides überfließt, reißt den Dichter Verbitterung hin und zornig rechtet und hadert er mit Gott, daß es fast wie Lästerung und Zweifel klingt. Wer aber den Geist dieser Gebete kennt, wird sich nicht verleiten lassen, in diesen momentanen Aufwallungen mehr als eine Art Schmollens mit Gott zu sehen, durch das Er nachdrücklich an seinen Bund erinnert werden soll. 5- In Zeiten großer Verfolgungen verliert sich die kühle Verachtung für die „Völker" und verwandelt sich in lodernden Haß, der in inbrünstigen Haßgebeten zum Himmel aufsteigt. Doch auch dann wird „der Bedränger" eigentlich mehr als eine abstrakte historische Einheit aufgefaßt; auf Edom, Essaw, Sseir, den erbfeindlichen Bruder Jissraels, wird Rache herabbeschworen. Die „Völker der Welt" werden ebenso als überzeitliche Totalität aufgefaßt, wie ihnen gegenüber die Juden: die Unterschiede der einzelnen Völker gehen diese Betrachtungsweise nichts an. Dasjenige Volk, das Jissrael augenblicklich besonders viel Leid zufügt, ist einfach derjenige Teil der Umoth haolam, der Gojim, in der die schlechte Tendenz ihrer Gesamtheit sich besonders kundgibt. Die „Völker" haben auch eigentlich die von Gott aufgelegte Mission den Juden gegenüber, wenn sie sündigen, Bütteldienste zu leisten, darum werden die eigenen Sünden oft weit mehr als die unmittelbaren Verfolger angeklagt. Unter vielen tausenden Gebeten ist keines bekannt, in dem Strafe auf konkrete einzelne Menschen, etwa Fürsten, oder Völker herabgefleht würde; man flucht dem abstrakten „Feind und Bedränger", der für alle. Zeiten derselbe ist, und dessen Grundzug ist, die Juden zu verfolgen. Freilich kommt in den Gebeten die Gewißheit zum Ausdruck, daß alle diese „Feinde und Bedränger", zuweilen sogar genauer in religiöse Hauptgruppen, in Christen und Mohammedaner geschieden, unter den biblischen Namen Essaw, Sseir, Babel oder Edom und Jischmael u. ä. angedeutet, ihre Missetaten schwer büßen werden. Worin aber diese Strafe bestehen wird, kommt, abgesehen von stereotypen Phrasen, nie zum Ausdruck. Die symbolisch aufgefaßten Namen, Edom und Jischmael, sind neben den allgemeineren Bezeichnungen wie: Götzendiener, Heiden, Völker u. ä. die konkretesten Bezeichnungen der Verfolger in den Verdammungsgebeten. Diese abstrakte Bezeichnungsart