Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Vom Wesen des jüdischen Gebetes
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 423 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Wesen des jüdischen Gebetes 423 Ewigkeiten sein wird, liebt Gott, dieses Volk ist der Edelstein seines Diadems. Er, „der sein Volk Jissrael ewig liebt", hat es sich erkoren. 4- „Mit einer ewigen Liebe liebtest du uns, in übergroßem Mitleid erbarmtest du dich unser, deines großen Namens wegen, und unserer Väter wegen, die auf dich vertrauten, und du lehrtest sie des Lebens Gesetze, zu tun deinen Willen aus voliem Herzen.'' Hier ist das Erwähltheitsverhältnis genau präzisiert: Gott in seiner Güte „seines großen Namens wegen", hat das Volk Jissrael für alle Zeiten in den Personen der Urväter erwählt. Zugleich aber lebt die Gewißeit, daß die Erwähltheit nicht bloß eine Gnade, sondern auch eine Notwendigkeit in Gott war, Gott ohne Jissrael wäre unvollkommen. Nicht ohne Grund wählte Gott gerade Jissrael: „weil sie auf dich vertrauten und du lehrtest sie des Lebens Gesetze". Jissrael ist sich seiner Sünden bewußt, aber gleichzeitig auch seiner Auserwähltheit und seiner unentäußerlichen Heiligkeit. Ist Gott ein wichtigstes Moment in der Geschichte Jissraels, so ist auch Jissrael ein wichtigstes Moment in der Geschichte Gottes. Kühn fordert ihn Jissrael auf: „Gedenke des Bundes!" Als Volk ist Jissrael der Erlösung entschieden gewiß, die Hauptgewähr ist ihm wieder die Geschichte; nicht die furchtbare seit der Verbannung, die aus seinem religiösen Denken völlig ausgeschaltet und in keiner Weise maßgebend ist, weil sie keinen eigentlichen Sinn hat, sondern die vollgültige, vorexilische, und am meisten die Urgeschichte. Da hat Gott große Gunst Jissrael erwiesen, hat es von Mizrajim erlöst, es zu seinem Volk erwählt und ihm tausend Gnaden gewährt. Dies ist die festeste sicherste Gewähr für die Zukunft: doch nicht vergebens wird er all diese Taten vollbracht haben. Dieser unerschütterliche Glaube hat hauptsächlich dazu beigetragen, das Judentum zu erhalten. Gott kann doch nicht, plötzlich müde geworden, sein Lieblingsvolk, mit dem er sich schon so viel Mühe gab, mit dem er schon so große Dinge vollbracht hat, von sich stoßen. Daher die ständige Wiederholung und Erinnerung seiner bereits erwiesenen Gnaden, — natürlich der vorexilischen Zeit, denn nur die allein besitzt vollgültigen Wirklichkeitswert; sie sind den Zweifelnden und Verzweifelten trostreichste Gewähr. Schon in den Psalmen begegnet uns eine solche Aufzählung der Gnaden Gottes in der Urgeschichte, und schon dort fühlen wir ähnliche wenn auch nicht ganz bewußte Erwägungen heraus. Dies der Sinn der Litanei: „Mi scheanah , . .", wer den Vätern beigestanden hat, muß auch den Kindern beistehen. Daher die ständige Berufung auf den Bund der Väter mit Gott, auf seine Liebe zu den Auserwählten (später auch auf die Versuchung Abrahams zur Opferung Jizchaks, die als symbolischer Erwählungsakt betrachtet wurde). All dies ist eine Kundgebung des festentschlossenen Willens zur Fortführung der eigenen Geschichte in ihrem bisherigen Sinn; und dieses Verlangen ist es, das absichtlich die tausende Jahre der Verbannung übersieht. Seine wahre eigentliche Geschichte will sich das Volk ständig vor Augen halten, sonst müßte es der schrecklichen Gegenwart erliegen. Seit der Niederringung des Barkochbaaufstandes (135 n. Chr.) bis zum Wiedererwachen der jüdischen Aktivität in letzter Zeit erlebte das jüdische Volk alles Mißgeschick, Bedrückung, Elend und Verfolgung nur passiv, ohne ihnen irgendwie mit wirklicher Tat zu begegnen. Das über die ganze Welt zerstreute und überall verfolgte jüdische Volk müßte es sonst mit der ganzen Welt aufnehmen. So war es gezwungen sich den Geschicken völlig zu unterwerfen. Auch fühlte