Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Vom Wesen des jüdischen Gebetes
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 422 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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422 Meir Wiener: Demut kennt: „Gott und Jissrael sind eins!" Im Bewußtsein seiner Mängel zerfällt er nicht in Staub, um so bewußter aber offenbart sich ihm die Nichtigkeit seiner Menschlichkeit Als Teil der jüdischen Gesamtheit weiß sich der Jude erwählt, heilig, göttlich: jeder Jude hat Anteil in Gott und im Gottesreich. Und doch fühlt er sich, weil er Mensch ist, sündig. Und da er seine hohe Berufung nicht verkleinern kann, sie steht für ihn ein für allemal fest, so kann er eben deswegen auch seine Mängel durch Herabdrücken seines nahen Verhältnisses zu Gott nicht verkleinern. Seine Berufung und Heiligkeit stehen fest, aber ebenso auch seine Menschlichkeit, unabänderlich klaffend bleibt der Abgrund zwischen der Göttlichkeit des Menschen und! seiner Menschlichkeit, zwischen dem Gottgebot und der Sünde. So ist das tiefeingeprägte Sündenbewußtsein des Judentums zu deuten, daher das häufige Sündenbekenntnis im jüdischen Gebet. Vom Menschen aus ist keine Lösung bei diesem scharfen Gegensatz von Gott und Mensch denkbar; kein Mensch kann göttlich ohne Fehl werden. Das Christentum (Paulus) suchte die Lösung in der Vermenschlichung Gottes und seiner Erlösung der Seelen. Diese Idee ist dem Wesen des Judentums tief zuwider, sie reichte aber auch der Christenheit nicht aus, indem schließlich doch noch die jüdische Lehre von der Gnade und die eigentlich unjüdische von der Fürbitte der Heiligen, der toten und lebendigen Märtyrer, zu Hilfe genommen werden mußten. Die Anrufung der göttlichen sündenlösenden Gnade ist im Judentum die einzige Möglichkeit des Heils. Der Mensch ist unwürdig, aber Gott ist würdig, der Mensch ist entweiht, aber Gott ist heilig: Gott ist der Gott Jissraels, Gott ohne Jissrael ist undenkbar, darum muß Gott seinetwegen Jissrael vergeben. „Nicht unsertwegen vergib, sondern deinetwegen!" Seiner eigenen Würde wegen soll Gott verzeihen. Aus dem Ohnmachtsgefühl gegenüber der Sünde wird Gott an seine eigene Würde erinnert; Gott in seiner Güte Fülle muß erlösen, vergeben. Wie seltsam einigt sich im Judentum ein starkes Distanzgefühl zu Gott mit einer innigen Gottvertrautheit! In den ekstatischen Gebeten kommt dieses Motiv nicht mehr als Bitte, sondern als selige Gewißheit und dankbare Freude zum Ausdruck. Nationales Mißgeschick, Verfolgung und Leid wird als Folge der Sündhaftigkeit des Volkes angesehen, und zwar des Volkes als überhistorische Einheit. Im Hintergrund bleibt die Idee immer lebendig, daß alles Leid seit der Verbannung eine Abtragung der Sündenschulden ist aus vorexilischer Zeit, denn die Gegenwartswirklichkeit wird einfach übersehen, und noch ihren Sünden fehlt jene welterschütternde Wirklichkeit der vorexilischen Zeit. Das jüdische Volk erlebt die Tempelzerstörung und die Verbannung durch die Römer nach tausenden Jahren mit mehr Wirklichkeitsgefühl, als das wirklichste Gegenwartsgeschehen, und da dieses Unglück als Strafe kam, so ist das jüdische Gebet stark von nationaler Reue und Schuldbewußtsein durchdrungen. Noch in Zeiten schwerster Verfolgungen und Leiden gedenkt der Jude der Tempelzerstörung und der Vernichtung der nationalen Ezistenz mit größerer Trauer als der Leiden der Gegenwart, denn jene sind ihm der Anfang und der eigentliche Ursinn auch des jetzigen Leides. Auch hier liegt Lösung nicht in der Macht des Volkes, sondern in Gott, in der Liebe Gottes zu seinem Volk. Er straft das Volk, er verschmäht es, ja er haßt es, aber nur in einzelnen Augenblicken der Geschichte; das Volk Jissrael aber als überhistorische Einheit, das im Willen und in der Kraft eigentlich schon bei der Erschaffung der Welt da war und bis in alle