Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 421

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Vom Wesen des jüdischen Gebetes
Date
1918-01-01
Page
421 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101146-3103707--2801-3103804
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Vom Wesen des jüdischen Gebetes 421 Jissrael. Dies also sind die zwei Grundmotive des jüdischen Gebetes: Gott, vor dem sich die Seele hinwirft und bedingungslos anbetet, und Jissrael, dessen Erwähltheit und Bund mit Gott die jüdische Seele immer wieder aufrichtet und zum lebensnotwendigen Selbstbewußtsein verhilft. Dieses zweite Grundmotiv wurzelt in national-historischen Reminiszenzen aus den Berichten der Bibel und in der Geschichtsinterpretation der Propheten. Das erste Grundmotiv, Gott, wandelt sich immer, und unterliegt den jeweilen herrschenden Gottesbegriffen, oder dem individuellen Charakter jedes persönlichen Gotterlebnisses; je nachdem bestehen diese Lobpreisungen aus naiv-positiven oder philosophischnegativen Attributen, aus synthetischen, kabbalistischen Bestimmungen oder aus abgezogenen, sehr allgemein gehaltenen Formulierungen. Es kann hier darum nicht unsere Aufgabe sein, dieses Grundmotiv in allen seinen historischen, systematischen und individuellen Entfaltungen zu charakterisieren. Die individuellen, einmaligen Gottbestimmungen können in keinem Schema untergebracht werden und die Darstellung der anderen Attribute gehört in eine Geschichte der jüdischen Theologie und Religionsphilosophie. Anders steht es um das zweite Grundmotiv, Jissrael; denn ein für allemal war das historische und überzeitliche Verhältnis Gottes zu Jissrael festgestellt Die Propheten haben es in ihren Weissagungen und in ihren Auslegungen der Geschichte einfach, mächtig und unverrückbar bestimmt. Für die rein jüdische Betrachtung hat mit der Zerstörung des Tempels die Geschichte eine zeitweilige Unterbrechung erfahren, die bis heute noch nicht zu Ende ging. Die Kontinuität der Zeit hat eine anormale Unterbrechung wegen der Sünden Jissraels erlitten. Die Zeit seit der Verbannung ist eine nebensächliche, unwirkliche Bußzeit; erst nach Erscheinung des Maschiach wird die eigentliche Zeit, die wirkliche Geschichte wieder beginnen, wird das Verhältnis Gottes zu Jissrael sich wieder schöpferisch gestalten. Was im Galuth geschieht, ist keine Entwicklung, kein Fortschreiten. Die Jahrtausende, in denen das Volk der Juden Schwereres als je ein anderes auf Erden erlebt hat, sind der jüdischen Betrachtung einfach ungültig, unwirklich, nebensächlich im Vergleich mit dem mindesten Geschehen der vorexilischen Zeit: es ist die Zeit der getrübten Gnade, der Verbannung. Während früher jedes mindeste Geschehen Bewegung im Verhältnis Gottes zu Jissrael brachte, hat sich seit der Verbannung das Verhältnis nur auf das Allgemeine der Vorsehung beschränkt. Dies symbolisiert sich auch darin, daß Gott die Verkünder seines Willens, die Propheten, und seinen Heiligen Geist, den ruach hakodesch, seit dieser Zeit der Welt vorenthält. Gott hat seinem Volk nichts mitzuteilen, weil sich seit der Zerstörung des Tempels noch nichts geändert hat. Weil, sich aber in den Bestimmungen des religiös-nationalen Verhältnisses zu Gott im Judentum nichts geändert hat, ist es um so leichter ihren Niederschlag im Gebet zu verfolgen und in Grundzügen schematisch darzustellen. 3- Sobald der jüdische Gedanke von der Herrlichkeit Gottes zu sich selber, zu seiner eigenen menschlichen Armseligkeit zurückkehrt, kann er nicht anders als sich mangelhaft, niedrig, sündig fühlen. Nicht etwa im Sinne der Erbsünde, dem Individuum auferlegt ohne eigenes Verschulden, sondern im Gefühl der Nichtigkeit dem Vollkommenen gegenüber, das um' so stärker empfunden wird, da sich Jissrael trotz allem mit Gott eins weiß und in dieser Beziehung keinerlei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.