Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 420

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Vom Wesen des jüdischen Gebetes
Date
1918-01-01
Page
420 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101146-3103707--2800-3103803
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

420 Meir Wiener: eigentliche Übergänge und Vorbereitungen, ohne Steigerung und Ausklang, wie der Text lyrisch-explosiv. Die synagogale Musik ist darum eher Kantilation, rezitativartiges, singendes Sprechen*) als eigentliche Musik. 2. Zunz, der bedeutendste, feinsinnigste Forscher auf dem Gebiete des nachexilischen Gebetes, versucht mit Erfolg, ein Schema der Stoffe und Motive gewisser Gebetskategorien (z. B. der Sselichoth) aufzustellen. Der Versuch eines solchen Schemas für das gesamte nachexilische Gebet wäre zweifellos dem Verständnis dieser Dichtungen förderlich, und der Umstand, daß das jüdische Gebet trotz ungeheurer Anzahl der Variationen und Bearbeitungen sich im Inhalt ziemlich ähnlich blieb und an Motiven nicht zu reich ist, ermöglicht dieses Unternehmen. Die religiöse Dichtung hat die Neigung, Jahrtausende hindurch, immer wieder dieselben Motive in unendlichen Variationen zu bearbeiten, gleich der religiösen Malerei oder der Liebeslyrik. Man muß ein Ohr haben für die tiefe Harmonie und Feinheit, die sich in der Mannigfaltigkeit der Variationen kundgibt Eben weil man hier aller Sorge um das Stoffliche enthoben war, indem der Stoff als solcher seit Jahrtausenden nach allen Seiten hin erschöpft ist, durfte die Kraft des Ausdrucks, der Grad seiner Vermittlungsfähigkeit, seine Wahrhaftigkeit und Frische Hauptsache werden. Auch die Motive der Lyrik überhaupt sind seit Menschengedenken erschöpft, und wäre es nur um das Stoffliche zu tun und nicht um die neue Frische und Intensität des neuen Ausdrucks, es gäbe dann keine neue Lyrik. Ebenso ist Variation das eigentliche Wesen der Musik. In ihren Höhepunkten variiert alle Kunst längst erschöpfte Stoffe: erst wenn sie sich von der Stoffgebundenheit befreit, an deren Ausbau sich große Kräfte verbrauchen, vermag sie Höchstes zu vollbringen. Das stärkste, eigentlichste Motiv des Gebetes ist der Ausdruck des Gotterlebens, ist Gottanbetung, Gottespreis; zuweilen wie das Erlebnis selber von dunklem, unbestimmtem Charakter, oder in Zeiten ausgebauter Theologie von wohldurchdachter und abgewogener Art Als erstes Hauptmoment des jüdischen Gebetes ist also die Lobpreisung Gottes zu erwähnen, die sich je nach dem, ob sie von wirklicher Begeisterung oder nur von Pflichtschuldigkeit eingegeben ist, dem unmittelbaren Gotterlebnis oder der Theologie nähert. Im ganzen ist die jüdische Lobpreisung Gottes von absolutistisch-orientalischen Vorstellungen beherrscht und die höchste Lobpreisung des urdichterischen Beters ist nichts anderes als die üblichen Schmeichelworte Königen gegenüber ins Unendliche übertragen. Das jüdische Gebet ist, wie es nach der jüdischen Weltanschauung auch gar nicht anders denkbar wäre, stark national gerichtet Die jüdische Religion, und in ihr das Verhältnis des jüdischen Menschen zu Gott, wurzelt im Nationalen. Das Judentum sieht in Gott vor allem den Gott Jissraels. Gott ohne Jissrael ist ihm eben so undenkbar wie Jissrael ohne Gott: „Der Heilige (er sei gepriesen), die Thora und Jissrael sind eins!" In den Tefillin Gottes ist eingeprägt: ,,Wer ist wie dein Volk Jissrael ein Volk auf Erden?" Diese eigentümliche Religionsanschauung gibt sich noch im intimsten, unbewußt-ekstatischen Gebet kund. Neben der allgemeinen Gottliebe gibt es kein Motiv, keinen Gedanken, der das jüdische Gebet so ganz ausfüllte wie das Thema: Gott und *) In dieser Beziehung ist die synagogale Musik dem sog. gregorianischen Choralgesang nicht unähnlich.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.