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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 419

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Vom Wesen des jüdischen Gebetes
Date
1918-01-01
Page
419 (sequence 2)
Language
German
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Vom Wesen des jüdischen Gebetes 419 Beter kennt kein stufenweises Fortschreiten, der Geist hat ihn auf einmal ergriffen, im Augenblick geht er in lodernder Flamme auf, und verglimmt. In des Sturmes Wirbel mitgerissen fliegt das Menschenstäubchen, dreht sich im Wirbel mit, und seinem Herzen entreißen sich gequälte oder begeisterte Schreie. Dann aber legt sich plötzlich der Sturmwind, und des Menschen Geist liegt ermattet am Boden. Das Gebet, die höchste lyrische Kundgebung, kennt noch weniger aufbauende Übergänge als sonstige Lyrik. Oft stellt sich uns ein Gebet wie der Anblick eines Haufens gewaltiger Blöcke dar. Was eine epische Darstellung erst als Summe und Ergebnis am Schluß hinstellt, genau damit beginnt die Lyrik. Sie beginnt mit dem Schluß und schließt mit dem Anfang. Der eigentliche jüdische Ausdruck war immer vorwiegend lyrisch-explosiv, in sich un verbunden, ungeeint, bloß eine Anreihung von Eindrücken in momenthafter Erfassung. Sie sind zwar einem Gesicht entsprungen, doch -stehen sie alle vereinzelt da. Die Psalmisten, die Propheten kennen keine schweifende, allmähliche Steigerung, keine innere Durchführung. Die Vision beginnt gleich mit dem Höhepunkt, erschöpft sich in einem Bild; das parallele Bild, das als Variation kommt, will den Eindruck nicht verstärken, vermag es auch nicht; es will uns nur noch eine Weile auf der Höhe halten. In Wahrheit beginnt in ihm schon die Entspannung. In einem Satz ist das stärkste Erlebnis niedergelegt und abgetan. Und wie mächtig niedergelegt! Im nächsten Satz gleich darauf wendet sich der althebräische Dichter einem neuen Thema zu. Weil er Befreiung vom Erlebnis ist, darum ist der Lauf dieser losgewälzten Blöcke nicht sorgfältig gelenkt. Hingegen ist das epische Schaffen aktiver; es sucht und baut die Erlebnisse und die Träume aus. Der Epiker erzählt sich zur Ergötzung Märchen, der Lyriker will den Albdruck des erschütternden Traumes verscheuchen, indem er ihn durch Mitteilung von sich wälzt. Darum geschieht es unbedacht, krampfhaft und machtvoll. Gewissermaßen wird dasselbe für jedes echte Gebet zutreffen, um so mehr aber für das jüdische Gebet, in dem am meisten der Mangel an eigentlicher Durchführung auffällt. Es ist eine Entladung, und wird nicht gemächlich, sondern in innerer Hast entworfen. Das jüdische Gebet kennt keine Übergänge, unmittelbar geht das eine Bild in das andere über, was aber nur dem oberflächlichen Blick den Eindruck der Zusammenhanglosigkeit erwecken wird. Diese Neigung geht so weit, daß in Zeiten des Verfalls nur einzelne Wortsymbole für ganze Gedankenkomplexe gegeben wurden. Einzelne, musivisch angereihte Worte und Sätze mußten nicht nur als Stichworte auf ganze biblische Geschehen anspielen, sie hatten auch die Aufgabe, den Gedankengang zugleich als Anspielungen auf verschiedenste umfänglichste agadische Formulierungen, die überdies ihrerseits oft symbolisch-kabbalistisch aufgefaßt werden sollten, hinzulenken. Und in dem Maße, wie sich diese aus Mangel an Durchführungssinn hervorgegangene Manier zur Virtuosität entwickelte, wurden die Gebete für Uneingeweihte und auch wohl für Eingeweihte immer dunkler; und immer schwerer wird es, in den Sinn dieser Stichworträtsel, die das entsprechende Wort nicht einmal in der biblischen Urform, sondern abgeändert, oft sogar in souveräner, grammatikalisch unzulänglicher Form bringen, einzudringen. Dem entspricht auch die synagogale Musik, die ihre Motive selten erschöpfend durchführt. Dem Text völlig untergeordnet, kennt sie ebensowenig wie er thematische Durchführung. Sie schreitet kühn von Thema zu Thema, ohne

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