Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Zur Universitätsgründung in Jerusalem
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 417 (sequence 3)
- Language
- German
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Zur Universitätsgründung in Jerusalem 417 freier oder in entgegengesetzter Weise gebundener Wissenschaft, und wo auch in der sogenannten orthodoxen Wissenschaft Fortschritte anzuerkennen ^sind, bestehen sie in einem unfreiwilligen Akzeptieren einzelner fremder Erkenntnisse, denen auch der Traditionstreue sich nicht mehr verschließen kann. Diesen geringen und unfreiwilligen Fortschritt verdankt auch sie mithin den Bemühungen der freien Forschung. Nur auf neutralen Gebieten, dort wo keine Tradition der Kritik im Wege steht, wo es eine Orthodoxie mithin nicht gibt, trägt auch die Arbeit der Orthodoxie zur Mehrung des Wissens bei. Und überblicken wir die Reihe jener Männer, die die Wissenschaft vom Judentum begründet haben, wie Zunz, Geiger, Graetz, Krochmal, Rappoport, Luzatto u. a., so ist keiner unter ihnen, der auf seinem Forschungsgebiete den Ansprüchen der Orthodoxie hätte Genüge leisten können, weil wahre Wissenschaft ohne das Salz der Kritik in der Tat undenkbar ist. Und auch daran kann kein Zweifel sein, daß entgegen Fraenkels optimistischem Urteil orthodoxe Gebundenheit nicht nur jüdisch-theologisch orientierte Fächer zum Verkümmern verurteilen müßte, sondern auch z. B. die rein philologischen Disziplinen der hebräischen Sprachwissenschaft. Ist ja schon eine wissenschaftliche Grammatik der Bibelsprache undenkbar, wenn darin nicht auch die vom traditionellen Texte oft mehr oder minder abweichenden Lesarten der jemenitischen Bibelhandschriften, der samaritanischen Thora usw. berücksichtigt, anderseits zahlreiche unregelmäßige Formen ausgeschaltet werden, die als bloße Schreibfehler für die Bestimmung der Gesetze der Bibelsprache natürlich nicht herangezogen werden können. Ganz zu schweigen davon, daß streng orthodoxer Auffassung auch schon die Zurückführung hebräischer Wortbildungen auf ältere ursemitische Sprachformen anstößig sein muß, die althebräische Grammatik und gar das vergleichende Studium der semitischen Sprachen im Widerspruch steht zu so manchen der volkstümlichen Namenserklärungen in der Bibel u. a. m. Und wie sollte auch nur die Geographie Palästinas in Einklang zu bringen sein mit der Tradition, derzufolge z. B. Palästina höher gelegen wäre als alle anderen Länder der Erde, das Rachelgrab (nach Gen 35, 16) auf der Straße von Jerusalem nach Bethlehem gelegen wäre, während es nach Jer 31, 14 bei Rama nördlich Jerusalem zu suchen ist usw. Zu leicht scheint mir Fraenkel auch den Widerspruch zu nehmen, den das Studium der Naturwissenschaften gewollt oder ungewollt dem traditionell orthodoxen Verständnis der biblischen und talmudischen Schriften entgegensetzt. Auch ohne daß der Naturwissenschaftler ausdrücklich zu Fragen der Bibel Stellung nimmt, wirkt z. B. das Studium der Geologie an sich dahin, daß der Studierende die biblische Schöpfungsgeschichte mit ihren sieben Schöpfungstagen der Weltentstehung vor 5678 Jahren u. a. m. als buchstäblich zu glaubende Wahrheit nicht akzeptieren kann. Wenn aber Fraenkel, wie dies aus seinen Ausführungen hervorzugehen scheint, seine Auffassung von Traditionstreue mit solchen negativen Ergebnissen der Wissenschaft vereinbaren zu können glaubt, so ist seine Orthodoxie nicht die Orthodoxie der Massen, die er mit dem Gedanken einer jüdischen Universität aussöhnen will. m . Indes, ist es klar, daß die Gründung einer Universität gar nicht dem Bedürfnis dieser Massen entspricht. Nicht für die Massen des Volkes, denen jüdische Geschichte, Literatur und Religion ja nicht Gegenstände der Forschung, sondern des praktischen Erlebens sind, brauchen wir eine jüdische Universität, sondern