Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Zur Universitätsgründung in Jerusalem
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 416 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101146-3103706--2794-3103799- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4i6 Harry Torczyner: Stätte, sie hat nicht wie aridere Einrichtungen des Schulwesens den Zweck, bestimmte als solche anerkannte Wahrheiten oder Kenntnisse zu lehren oder zu verbreiten, ihre Aufgabe besteht vielmehr darin* die Wahrheit auf den verschiedenen Gebieten des Geisteslebens zu suchen, anerkannte und überlieferte Erkenntnisse zu prüfen, um über sie hinaus zu immer vollkommenerer richtigerer Erkenntnis zu gelangen. Sie soll nicht Wissen geben, sondern Wissenschaft, jenen wissenschaftlichen Geist, der nirgends ewig feststehende Resultate anerkennt, sondern jederzeit bereit ist, vor neuen Tatsachen ihm auch noch so lieb gewordene traditionelle Urteile aufzugeben. Forscher will die Universität erziehen, die den Fortschritt des Menschengeistes, das „Dies diem docet", auf ihre Fahne geschrieben haben. Und wenn sie daneben auch Lehrer, Ärzte, Juristen usw. für ihre praktischen Berufe ausbildet, so muß sie doch, um sich selbst getreu zu sein, auch hierin stets das Moment der vorwärtsstrebenden Forschung festhalten, die niemals stillesteht, sondern immer wieder sich erneuernd über veraltete Wahrheiten hinweg den Weg zur Wahrheit sucht. Darum würde ein Bestimmungsrecht irgendwelcher religiöser Parteien auf die Forschungsrichtung einer Universität diese von vornherein zur Unfruchtbarkeit verdammen. Aus ihrer eigenen Arbeit muß die Forschung ihre Resultate immer wieder neu gewinnen. Zweck und Möglichkeit ihres Schaffens sind undenkbar, wenn solche Resultate ihr von irgendwelcher anderen Seite aufgezwungen werden. Jede Orthodoxie, jedes Festhalten an Traditionen, antireligiösen nicht minder als religiösen, untergräbt die Wurzeln des wissenschaftlichen Strebens. Und wie gar, wenn zum Kriterium für die Bestimmung der wissenschaftlichen Resultate, der Folgerungen, zu welchen der wahrheitsuchende Geist gelangen darf, die religiöse oder antireligiöse Meinung der Volksmassen gemacht wird, wenn nicht die Männer, deren Forschungen sie dazu berechtigen, die mühsam erarbeitete Wahrheit dem Volke künden, sondern Unberufene und Unkundige der Wahrheit das Recht geben oder nehmen können, ob und in welchem zahlenmäßigen Verhältnis zur jeweiligen Parteigestaltung im Volke sie als Resultat wissenschaftlicher Untersuchung gefunden und anerkannt werden darf. Die Wahrheit ist bei wenigen stets zu finden und steht in keinem durch Zahlen ausdrückbaren Verhältnis zur Stärke und Leistungsfähigkeit der Parteien, denen sie genehm sein mag. Unterlassen wir es hier zu untersuchen, ob und wie eine solche Abstempelung wissenschaftlicher Arbeiter nach der einfachen Formel orthodox oder liberal möglich wäre, so würde sie in jedem Falle ein negatives Urteil über den Forscher bedeuten, der sich dadurch endgültig auf bestimmte Resultate seiner Wissenschaft festlegt und seiner Arbeit damit die Aufgabe des Forschens nimmt, die ihn allein für eine Universität wertvoll erscheinen lassen kann. In welchem Grade jede Festlegung auf irgendwelche religiöse Parteirichtung die wissenschaftliche Forschung lähmen muß, beweist just das Beispiel unserer Orthodoxie am besten. Eine Wissenschaft von Judentum in orthodoxem Sinne gibt es so gut wie gar nicht. Dort wo die Orthodoxie die Forschung bindet, beschränkt sich, wie dies in der Natur der Sache begründet ist, die orthodoxe Gelehrsamkeit auf die Erhaltung jener Wissenstraditionen, die sie von den Alten übernommen, um sie unverändert kommenden Geschlechtern weiterzugeben. Sie lehrt nur Wissen, nicht Wissenschaft. In anderer Hinsicht beschränkt sie sich auf die Verteidigung ererbter Positionen, gegen die widersprechenden Resultate