Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Praktisches zur Universitätsgründung in Jerusalem
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 412 (sequence 9)
- Language
- German
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Adolf Fraenkel: Bedingtheit seiner Erkenntnis Argumente und Handhaben gegenüber der jüdischen Überlieferung zu besitzen glaubt und sie etwa gar vor seinen Schülern geltend machen sollte, so entspricht das nur jener Freiheit des Irrtums, die untrenn-r bar verknüpft ist mit der der Universitätstradition eigentümlichen Freiheit des Forschens und Lehrens. Und ähnlich liegen auf der anderen Seite die Verhältnisse vom religiösen Standpunkt aus. Hier hat es Anschauungen gegeben — und 1 auch heute noch sind ja solche prinzipiell denkbar —, die das Kopernikanische Weltsystem als der biblischen Tradition zuwiderlaufend betrachteten, während umgekehrt dem nüchternen Denken selbst z. B. die Idee und das Gesetz der Entwicklung als wohl verträglich mit der Überlieferung erscheinen dürfte. Extreme Standpunkte und Auswüchse nach der einen oder anderen Seite werden kraft der Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und der durch die Jahrtausende bewiesenen kraftvollen Lebendigkeit der jüdisch-religiösen Ideen von selbst im Durchschnitt ihre Korrektur finden. Grundsätzliche Bedenken aber seitens der thpratreuen Auffassung gegenüber der Lehr- und Forschungsfreiheit der Naturwissenschaft dürften nicht berechtigt sein, da es sich ja hier nicht um prinzipielle Stellungnahme für oder gegen die Tradition, sondern um nur nebenbei vom Katheder aus geäußerte Überzeugungen handeln kann, deren Freiheit im Einklang ist mit der auch sonst im Privatleben selbstverständlichen Ungebundenheit der religiösen Stellungnahme. Ein wenig verschieden liegen die Verhältnisse auf dem Gebiet der Philosophie. Zwar besteht völlige Klarheit für die beiden Hauptzweige dieser Wissenschaft: für die Psychologie, die im wesentlichen eine Naturwissenschaft darstellt, welche Berührungspunkte mit dem religiösen Komplex nicht wohl aufzuweisen hat, und für die Erkenntnistheorie, jene Grundlage wissenschaftlichen Denkens überhaupt; die sich religiösen Fragen gegenüber mit einem ,,Non liquet", ja sogar mit einem „Ignorabimus" bescheiden muß. Es bleibt also im wesentlichen nur die Metaphysik übrig, während Ethik und Ästhetik je nach Auffassung mit der Erkenntnistheorie oder der Metaphysik zusammenzustellen sind. Was nun die Stellung der Metaphysik im Lehrprogramm der jüdischen Universität betrifft, so möchte ich mir hierzu einen bestimmten Vorschlag nicht erlauben, und zwar deshalb, weil ich persönlich der Ansicht bin, daß die Metaphysik überhaupt nicht eine Wissenschaft darstellt, sondern nur ein System von subjektiven, auf keine Weise methodisch zu begründenden, höchstens in künstlerischer Weise miteinander in Verbindung zu setzenden Überzeugungen. Meiner Meinung nach ist daher für die Metaphysik überhaupt kein Platz auf einer Stätte der Wissenschaft; sie wäre höchstens als „Religionsphilosophie" den judaistischen Disziplinen zuzurechnen. Wer aber nicht dieser radikalen Ansicht zuneigt, wird vielleicht einen allen Seiten genügenden Ausweg in dem Modus erblicken, nebeneinander von Universitätswegen zwei verschiedene Professuren für Metaphysik zu errichten, eine an die Richtschnur der Tradition gebundene und eine „völlig unabhängige", wie dies in analoger Weise z. B. an einer Reihe deutscher Universitäten der Fall ist. III. Wahrend mit dem Vorstehenden die Besprechung der engeren Universitätsangelegenheiten hier abgeschlossen sein möge, sollen zum Schluß noch einige Fragen kurz gestreift werden, die sich nur mittelbar auf den Universitätsunterricht beziehen und namentlich die Hilfsmittel des Lehr- und Forschungsbetriebs angehen. Da sei vor allem in bezug auf die Seminarien, die naturwissenschaftlichen und technischen Institute und die medizinischen Kliniken eine möglichst nahe