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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 411

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Praktisches zur Universitätsgründung in Jerusalem
Date
1918-01-01
Page
411 (sequence 8)
Language
German
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Praktisches zur Universitätsgrundung in Jerusalem 411 übrigen Fächern bemerkbar werden. Dennoch würden die auf diesen Gebieten vom Katheder aus vorgetragenen Lehrmeinungen völlig losgelöst sein von der Verantwortung der jüdischen Gesamtheit und der Universität. Die Dozenten der judaistischen Disziplinen wären nicht Angestellte der der Universität vorgesetzten Behörden, sondern ihrer religiösen Organisation; sie wären daher nicht formelljuristisch, wohl aber praktisch und gesellschaftlich die Kollegen der übrigen Professoren. Nur in bezug auf die äußeren Anstellungsverhältnisse im allgemeinen wären den religiösen Organisationen Vorschriften aufzuerlegen, während die personalen Berufungsfragen ihnen allein vorbehalten sein würden; eine finanzielle Subvention der Organisationen seitens der Universitätsbehörde müßte dabei nicht notwendig ausgeschlossen sein. Prinzipielle Einwände von der einen oder anderen Seite könnten aber bei diesem Modus nicht aufkommen, und auch der sonst sehr wohl denkbare Fall, daß ein Dozent in der Lehrtätigkeit des einen oder anderen seiner Kollegen ein religiöses oder wissenschaftliches Bedenken gegen seine eigene Wirksamkeit innerhalb des nämlichen Organismus erblickte, wäre ausgeschlossen, sobald die Gemeinsamkeit des Organismus nicht mehr rechtlich vorhanden wäre. Auf die Einzelheiten einer derartigen Regelung möchte ich heute nicht näher eingehen. Prinzipielle Schwierigkeiten würden sich nicht bieten. Dagegen liegt es wohl nahe, an die Errichtung der Lehrstühle für die judaistischen Disziplinen nicht schon in den ersten Stadien des Entstehens der Universität heranzutreten; denn diese Aufgabe wird unschwieriger und reibungsloser gelingen zu einer Zeit, da die Art der neuen jüdischen Siedelung in Palästina und ihre religiöse und politische Struktur bereits in den Umrissen erkennbar ist. Eine derartige Verzögerung um wenige Jahre wird für die in Frage kommenden Gebiete um so weniger Bedenken haben, als ja innerhalb wie außerhalb der Hauptstadt auch abgesehen vom Universitätsbetrieb das Studium der jüdischen Kulturschätze nach seiner Verbreitung und Intensität hoffentlich in reichstem Maße blühen und den Platz, den es schon bisher in der Diaspora im Leben der großen Massen des jüdischen Volkes eingenommen hat, auch weiter behaupten oder vergrößern wird. Zum Schluß dieses Abschnittes möchte ich noch hervorheben, daß und weshalb ich die besprochene Sonderstellung der judaistischen Disziplinen nicht auch den Naturwissenschaften und der Philosophie einräumen möchte, obgleich ja auch diese Wissenschaftszweige ähnlichen Bedenken Raum zu bieten scheinen. Was zunächst die Naturwissenschaften betrifft, so läge hier schon eine ernste Schwierigkeit in der Abgrenzung des kritischen Wissenschaftsgebietes: wenn etwa Biologie und Geologie gewisse Punkte des Widerstreits mit der religiösen Tradition aufzuweisen scheinen können, soll dann auch das Nämliche gelten von der Physik oder gar von der Astronomie? Und wer soll die Entscheidung über die Auswahl der kritischen Fächer treffen? Es scheint mir glücklicherweise nicht nötig, auf diese Fragen überhaupt einzugehen. Denn ein wirklicher Gegensatz zwischen echter, erkenntnistheoretisch über die Grenzen ihres Bereichs orientierter Naturwissenschaft und wahrhaft jüdischer — d.h. bei aller Gebundenheit nicht dogmatisch erstarrter, sondern stets lebendiger — Tradition existiert nicht, noch «lehr: er ist nach meiner festen Überzeugung auch für die Zukunft gar nicht möglich*). Wenn daher der Naturwissenschaftler in Verkennung der Grenzen und ~~^Auf die Begründung dieser Ansicht kann ich natürlich in diesem Zusammenhang nicht eingehen. Für einige grundsätzliche Bemerkungen hierzu vergleiche man meinen Autsatz: »Mathematik und Apologie" im , Jeschurun", V. Jahrg. (Berlin 1918), S. 120. 30*

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