Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Praktisches zur Universitätsgründung in Jerusalem
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 410 (sequence 7)
- Language
- German
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Adolf Fraerikel: in der nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes zu erörtern. Weite Teile der thoratreuen (und zum Teil auch der übrigen) Judenheit in. Osteuropa widersetzen sich heute noch der Idee der „Trennung von Staat und Kirche", die ich als die allein mögliche Grundlage betrachte. Ein theoretischer Kampf der Geister über diese an sich freilich überaus bedeutungsvoller Frage im allgemeinen scheint mir aber um so überflüssiger zu sein, als ich überzeugt bin, daß die tatsächlichen Verhältnisse und Bedürfnisse in praxi sehr bald die Loslösung der religiöskulturellen Angelegenheiten vom Kompetenzbereich der politischen Gemeinde erzwingen werden, nicht zuletzt zur lebhaften Befriedigung der gegenwärtigen Gegner einer Trennung von Staat und Kirche. Unabhängig also von der Art der Lösung dieser Frage im allgemeinen will ich nur vorschlagen, im besonderen Fall der Universität die angedeuteten Schwierigkeiten in bestimmter Weise aus dem Wege zu schaffen. Um nicht auf Einzelheiten der Durchführung eingehen zu müssen, beschränke ich mich auf die Annahme von nur zwei „religiösen" Richtungen*) (einer thoratreuen und einer durch die Tradition nicht gebundenen, mehr oder weniger areligiösen) und denke mir die Gesamtheit der in Palästina veieinigten Anhänger der beiden Richtungen jeweils organisiert in Verbänden, die im nächstfolgenden kurz als die „religiösen Organisationen" bezeichnet werden mögen. Ferner will ich unter dem Sammelnamen der „judaistischen Disziplinen" die schon vorher etwas genauer charakterisierte Gesamtheit derjenigen Lehrgebiete verstehen, für welche die erwähnten Schwierigkeiten in Frage kommen, unter Ausschluß von Philosophie und Naturwissenschaften, auf die am Schluß dieses Abschnitts noch zurückzukommen sein wird. Es handelt sich hier also lediglich um philologisch-historische Fächer. Nach diesen Vorbereitungen möchte ich als Leitsatz die folgende These formulieren: Die Besetzung der Lehrstühle für die judaistischen Disziplinen, ist nicht Aufgabe der jüdischen Gesamtheit bzw. der Universität und der ihr vorgesetzten Behörde. Diese Besetzung obliegt vielmehr den religiösen Organisationen, und zwar derart, daß Gelehrte aus den Kreisen beider Richtungen in einer nach der Größe und Leistungsfähigkeit der Organisationen im Einvernehmen mit den Universitätsbehörden zu bemessenden Zahl im Auf trag ihrer Organisationen nebeneinander lehren. Mit der Annahme und Durchführung dieses Grundsatzes scheinen mir die vorher angeführten Schwierigkeiten beseitigt zu sein, ohne daß ein Ausschluß der spezifisch jüdischen Fächer von der Stätte, die das jüdische Volk der Pflege der Wissenschaft geweiht hat, einzutreten braucht. Wie für alle anderen Wissenschaftsgebiete würde auch für die judaistischen Disziplinen die Universität ihre Räume und Hilfsmittel (Institute, Bibliothek usw.) zur Verfügung stellen, wofür etwa, falls dies aus juristischen oder religiösen Erwägungen als wünschenswert erscheinen sollte, seitens der religiösen Organisationen eine Entschädigung gezahlt werden könnte. Nach außen hin .würde der Unterricht in diesen Disziplinen (die zweckmäßigerweise zu einer besonderen Fakultät, der „Judaistischen", zusammengefaßt werden könnten) organisch mit dem übrigen Universitätsunterricht verbunden erscheinen; im Vorlesungsverzeichnis wie überhaupt im Verhältnis zu den Studierenden würde kein wesentlicher Unterschied gegenüber den *) In der ersten Zeit wird diese vereinfachende Annahme der Wirklichkeit nur mangelhaft entsprechen, da sich zunächst nicht nur die Gegensätze zwischen Aschkenasim und Sephardim, zwischen Chassidim und Misnagdim usw., sondern namentlich auch die mittleren und „liberalen" religiösen Richtungen geltend machen werden.