Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Praktisches zur Universitätsgründung in Jerusalem
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 408 (sequence 5)
- Language
- German
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408 Adolf Fraenkel: gründung dieses Vorschlags, abgesehen von dem oben Gesagten, nur an irgendein konkretes Beispiel erinnern, etwa an das der theoretischen Naturwissenschaft. Diese ist heute in einerT Entwicklung und einem Umsturz begriffen, wie niemals zuvor, und die neuen Gedankenrichtungen und Überlegungen sind so schwierig, daß es ohne Vermittlung durch Vorlesungen oder mündlichen Verkehr mit den Forschern der betreffenden Spezialgebiete kaum möglich ist, dem Fortschritt der Wissenschaft zu folgen. Daß sich in solchen Fällen die dauernde Beschränkung auf den Kreis einer einzigen Universität für den Dozenten verhängnisvoll gestalten könnte, liegt auf der Hand. Eine Urlaubserteilung im angedeuteten Sinn ist aber nur denkbar bei Disziplinen, wo nötigenfalls ein Fachkollege Aushilfe leisten kann. Es darf vielleicht noch angeregt werden, daß von der Einrichtung der Kollegiengelder von vornherein abgesehen werde; deren Nachteile überwiegen sowohl im Interesse des wissenschaftlichen Unterrichts wie vom Standpunkt demokratischer bildungsfreundlicher Prinzipien bei weitem ihre Vorteile. Es ist nicht zu bezweifeln, daß für eine auch ohne Kollegiengelder ausreichende und entsprechende Besoldung der etatsmäßig angestellten Dozenten hinreichende Mittel zur Verfügung stehen werden. Neben diesen Hauptlehrkräften, deren Scheidung in „ordentliche" und „außerordentliche" Professoren von Zweckmäßigkeitsgründen abhängen und einer späteren Zukunft überlassen bleiben mag, wird man noch zwei weitere Arten von Dozenten zu unterscheiden haben: einmal die „Honorarprofessoren", das sind Beamte oder Privatleute, die zur Verwertung besonderer Kenntnisse oder Erfahrungen neben ihrem eigentlichen Beruf in beschränktem Umfange Vorlesungen halten und dafür keine oder nur eine unbedeutende Vergütung beziehen; ferner die Privatdozenten, die sich aus den jungen Forschern rekrutieren und in erster Linie den Nachwuchs für das Professorenkollegium der Universität darstellen. Schon um nicht den Zugang zur akademischen Laufbahn an materiellen Besitz zu knüpfen, wird man auch den Privatdozenten eine Besoldung zubilligen müssen, wie sich dies übrigens nach dem Krieg auch in Europa wohl allgemein als notwendig erweisen wird; diese Besoldung wird aber zweckmäßigerweise nicht zu reichlich zu bemessen sein, um den Andrang zur akademischen Laufbahn nicht künstlich zu steigern und den Zugang zu ihr den von Idealismus und Forscherdrang erfüllten jungen Leuten vorzubehalten. Ohne näher auf das System einzugehen, nach dem in späterer Zeit die Berufungen und Ernennungen der Professoren vor sich gehen mögen, sei nur hervorgehoben, daß es nach durchschnittlicher Erfahrung im Sinn der Unparteilichkeit am günstigsten wirkt, wenn dabei zwei verschiedene voneinander unabhängige Faktoren (etwa die Fakultät einerseits, das Kuratorium oder die vorgesetzte Behörde andererseits) in gegenseitiger Ergänzung mitwirken. IL Die soeben berührte Frage der Berufung läßt eine ernste Schwierigkeit anklingen, die bei der Organisation der Universität von vornherein ins Auge gefaßt werden muß und deren Behandlung hier ein besonderer Abschnitt gewidmet sei. Beginnen wir, um den Kern der zu behandelnden Frage scharf hervortreten zu lassen, mit einem die Sachlage grell beleuchtenden Beispiel! Es handle sich etwa um die Besetzung eines Lehrstuhls für Bibelexegese, der an der Universität des jüdischen Volkes ganz gewiß nicht fehlen wird. Wer wird als Inhaber des Lehrstuhls in Frage kommen: ein auf dem Boden des überlieferten Judentums stehender, talmudisch durchgebildeter Exeget oder ein aus der kritischen Schule