Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Die ersten Sozialisten in der hebräischen Literatur
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 403 (sequence 10)
- Language
- German
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Die ersten Sozialisten in der hebräischen Literatur 403 überlieferten Bräuche — das sind Sachen des Gewissens und der persönlichen Überzeugung des Einzelnen, die uns gar nichts angehen. Möge jedermann seinen Überzeugungen gemäß leben, wenn er nur durch seine Aufführung nicht der Gesellschaft schadet. Ehrliche, rechtschaffene Menschen gibt's bei allen Völkern, Sekten und Religionen, darunter auch bei den Chassidim. Die Chassidim haben das noch eigentlich vor den Mitnagdim voraus, daß bei ihnen die Solidarität und Brüderlichkeit stark entwickelt sind" (Haemet, Nr. 3). „Haemet" hatte all ihre Mitarbeiter in Rußland, die wegen der drohenden politischen Verfolgung ihre Beiträge nicht zeichneten. Die Leser aber wußten genau, wer die Verfasser der verschiedenen Beiträge waren, welche Aufsätze vom Herausgeber selbst, welche Gedichte der Feder Jehalels, welche der Dr. Jizchak Kaminers oder Zwi Hakohen Scherschewskys entstammten. Besonderer Beliebtheit erfreute sich ein Gedicht von Dr. Kaminer unter dem Namen „Schir hajichud lamatbea" (Ode auf die Münze), das die Heuchelei der gegenwärtigen Gesellschaft geißelt, die auf ihre Bildung und Humanität stolz ist, während ihre wahren Grundlagen Sklaverei und Geld sind (Nr. 3). Die Zeitschrift war hauptsächlich für die hebräischen Leser in Rußland bestimmt und konnte deshalb nicht lange bestehen. Nur die ersten drei Hefte sind nach Rußland gelangt; das vierte wurde auf der russischen Grenze beschlagnahmt. Daraufhin stellte Liebermann die Zeitschrift ganz ein. VII. Die Tatsache muß festgestellt werden, daß alle ersten jüdischen Sozialisten bei dem Sozialismus nicht geblieben sind. Bei jedem von ihnen überwand die jüdische Seele die sozialistische Doktrin. Liebermann wanderte sein Leben lang mit gebrochener Seele. Er konnte auf keinen Fall mit den geistigen nationalen Gütern brechen, die er liebte und nach denen er sich sehnte. Seine Liebe zur hebräischen Sprache war eine sehr tiefe. Ich habe bereits auf seinen glänzenden biblischen Stil hingewiesen. Er pflegte jede geglückte hebräische Wendung aufzuzeichnen und dachte viel über die Weiterentwicklung der hebräischen Sprache nach. Charakteristisch für seine liebevolle Beziehung zum Hebräischen ist die Tatsache, daß er die Satzungen des ersten jüdischen sozialistischen Arbeiterverbandes in London hebräisch schrieb, obwohl dessen Mitglieder nur Arbeiter und Handwerker waren, die des Hebräischen unkundig waren. Sogar der Name des Verbandes wurde von ihm hebräisch geprägt: „Agudat hasozialistim haiwrim". Ebenso benannte er den Arbeiterverein, der durch diesen Verband gegründet wurde: „Chawerim kol baale hamlacha". Wie mächtig das nationale Gefühl in ihm war, beweist auch folgende Tatsache: die Sitzungen des Verbandes fanden jeden Samstag abend statt; nun begab es sich einmal, daß gerade in jene Nacht Tischa b'aw fiel, und da schlug Liebermann vor, die Sitzung solle auf einen anderen Tag verlegt werden. Eines der Mitglieder bemerkte darauf, für sie als Sozialisten hätte der Fasttag gar nicht in Betracht zu kommen. Liebermann protestierte dagegen sehr heftig und, sagte: „Heutzutage hat Tischa b'aw für uns Juden-Sozialisten dieselbe Bedeutung wie für alle anderen Juden. Solange die soziale Revolution noch nicht ausgebrochen ist, hat die politische Unabhängigkeit einen großen Wert für jedes Volk. Der neunte Tag im Ab ist ein Gedenktag dessen, daß die Juden ihre politische Selbständigkeit verloren haben, und unser Verband soll dieses Ereignis mindestens für so wichtig halten, um die Sitzung auf einen anderen Tag zu verschieben."