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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 401

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Die ersten Sozialisten in der hebräischen Literatur
Date
1918-01-01
Page
401 (sequence 8)
Language
German
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Die ersten Sozialisten in der, hebräischen Literatur;--j-.- 401 land leben, sind Russen. Wir haben die gleichen Interessen und die gleiche Lebensart. Laßt uns nur uns alle gegen den Feind im Namen der Gleichheit vereinigen" (zitiert nach J. Zinberg, Geschichte der jüdischen Presse, Petersburg 1915). Zu gleicher Zeit aber schätzte Liebermann die kulturellen Eigenschaften des Judentums sehr hoch ein, indem er erklärte, das Prophetenvolk sei von jeher Träger des erhabenen Ideals sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit. Diesen Gedanken führte Liebermann aus in einer Schrift „Masat nafschenu" (Unser Ideal), die er ungedruckt hinterließ. In diesem Werk verfolgt er die Entwicklung des Sozialismus bis auf Marx und Lassalle und beweist, daß die Grundlagen der sozialistischen Lehre sich bereits in der Thora finden*). Dieselbe Meinung vertrat er auch in der obenerwähnten Korrespondenz. Fast unmittelbar nach dem Satz: „Wir alle, die wir in Rußland leben, sind Russen", hieß es: „Uns Juden ist der Sozialismus eigentlich gar nicht fremd. Die Gemeinschaft ist unsere Existenz, die Revolution ist unsere Tradition, die Kommune die Grundlage unserer Gesetzgebung, welche nachdrückliche Verbote, Boden für immer zu veräußern, und Gesetze über Brüderlichkeit und Gleichheit umfaßt. Unsere älteste Gesellschaftsordnung war die Anarchie; unsere gegenwärtige Zusammengehörigkeit in der ganzen Welt ist die Internationale. Im Geiste unseres Volkes lebten und wirkten die großen Propheten unserer Zeit wie Marx, Lassalle und andere. Laßt uns ihnen folgen, laßt uns ihrer Lehre gemäß handeln und uns der Sache mit der ganzen Glut unseres asiatischen Blutes ergeben"**). Liebermann propagierte die sozialistischen Ideen in der hebräischen Sprache nicht allein, um für die russische Revolutionsarmee jüdische Kräfte zu werben, sondern auch aus Liebe zum Hebräischen. Er war ein hervorragender Stilits und glaubte auch an die weitere Entwicklung der alten Nationalsprache und ihrer Literatur, so daß er der geeignete Mann dazu war, an der Spitze eines hebräischen sozialistischen Organs zu stehen. Er war übrigens auch ein begabter, hinreißender Redner. Sowohl in Wilna als in der Provinz begeisterte er die jüdische und die christliche Jugend für den Sozialismus, was von der Polizei nicht unbemerkt blieb. Er wurde verhaftet, es gelang ihm aber, aus dem Wilnaer Gefängnis zu entkommen und nach London zu flüchten. Hier gründete er einen „Verband jüdischer sozialistischer Arbeiter", der geheime Verzweigungen in Rußland hatte. Liebermann verfaßte alle Aufrufe des Verbandes, wie auch verschiedene Agitationsbroschüren, er war Vorsitzender und Schriftführer zugleich und trug die ganze Last der Organisation. Er fühlte sich aber in London nicht sicher genug und übersiedelte nach Wien, wo er als der amerikanische Bürger Arthur Freyman auftrat. Hier begann er im Mai 1877 die Monatsschrift „Haemet" herauszugeben. Schon im ersten Programmaufsatz, der vom Redakteur geschrieben ist, zeigt sich deutlich die Gebrochenheit der Seele Liebermanns. „Die Falschheit", so heißt es im Programm, „die gegenwärtig vorherrscht, ist die Mutter alles Bösen. Sie erschüttert die Wurzeln des gesellschaftlichen Lebens und zerstört die Bande menschlicher Gemeinschaft. Sie trennt die Menschen in zwei Lager — in Ausbeuter und Ausgebeutete. Groß sind die Leiden des Volkes, aber es duldet schweigend, weil es nicht begreift, was ringsum ge- *) S. „Haschiloach", 1907. **) Zinberg, Gesch. der jüd. Presse.

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