Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Die ersten Sozialisten in der hebräischen Literatur
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 400 (sequence 7)
- Language
- German
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4QQ S. L. Zitron: letzten Nummern des Blattes „Semlja i Wolja" (Boden und Freiheit) in Druck zu legen. Er wurde zu vier Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt, wo er im letzten Jahre seiner Strafe einen freiwilligen Tod im Flusse Jenissei fand. Das waren die ersten jüdischen Sozialisten in der hebräischen Literatur, deren Propaganda seinerzeit eine große Wirkung ausübte. In allen größeren und in vielen kleineren Städten Litauens und Südrußlands bildeten sich jüdische sozialistische Vereine, deren Mitglieder meistens denjenigen Kreisen zugehörten, die in ihrer geistigen Nahrung allein auf die hebräische Literatur angewiesen waren. Es waren in der Regel Stubensozialisten, richtiger gesagt: Ofenbanksozialisten. Sie waren aber alle mit Leib und Seele dem Sozialismus ergeben. Sie waren in den Gedankengängen Marxens und Lassalles bewandert, von Pissarew und Tschernyschewsky gar nicht zu reden. Die sozialistischen Führer dieser jüdischen Jugend begannen zu fühlen, daß der „Haschachar" für sie zu eng geworden war, und gingen daran, eine besondere sozialistische Zeitschrift im Hebräischen herauszugeben. Die Verwirklichung dieses Gedankens übernahm ein Mann, der alle seine Genossen um Haupteslänge überragte: Aron Samuel Liebermann, der 1877 in Wien die erste hebräische sozialistische Monatsschrift „Haemet" (Die Wahrheit) begründete. Die eigenartige und komplizierte Persönlichkeit Liebermanns erheischt eine ausführlichere Schilderung. VI. Aron Samuel Liebermann wurde in einer litauischen Kleinstadt geboren und sehr fromm erzogen. Seine früheste Jugend verbrachte er in verschiedenen Jeschiwot, studierte eifrig die talmudische und rabbinische Literatur und bereitete sich zur Laufbahn eines Rabbiners vor. Das Schicksal wollte es aber anders. Zufällig kam ihm ein neuhebräisches Werk zu Händen, und zwar Isaak Erters satirisches Werk „Hazofe lebet Jisrael", die in ihm eine tiefe Wandlung hervorrief. Er gab unter deren Einfluß das Talmudstudium auf und wandte sich der europäischen Bildung zu. Von Natur sehr begabt, machte er rasche Fortschritte und wurde in eine der Oberklassen des Wilnaer Rabbinerseminars aufgenommen, wo er zu den besten Schülern gehörte. Er wurde bald von den materialistisch-sozialistischen Tendenzen der Zeit mitgerissen und bekannte sich zum Kommunismus und zu Narodnitschestwo. Die jüdische Orthodoxie betrachtete er als rückschrittliche, hoffnungslos verblendete Masse; die Interessen der Arbeiter und Bauern stellte er höher, als die Interessen des ,»Händler- und Vermittlervolkes". Unbedingt an die Wahrheit der sozialistischen Lehre glaubend, verhielt er sich namens des Allgemeinmenschlichen dem Nationalen gegenüber ablehnend und erklärte, er sage sich von der Nationalkultur los. In Wirklichkeit aber war er gar nicht imstande, sich von dieser Kultur loszureißen. Er vermochte keineswegs die festen Fäden abzuschneiden, die ihn an Judenheit und Judentum knüpften. Liebermann selber kam es nicht zum Bewußtsein, wie mächtig er von zwei entgegengesetzten Magneten angezogen war. Es gelang ihm aber nicht, das Nationale mit dem Sozialen harmonisch zu verschmelzen, was häufig zu krassen Widersprüchen führte. Schon in einer seiner ersten Wilnaer Korrespondenzen in dem russischen Wochenblatt „Wperiod" (Vorwärts), das in London von dem berühmten Sozialrevolutionär Lawrow herausgegeben wurde, traten solche Widersprüche klar zutage. Liebermann schrieb dort unter anderem: „Der russische Bauer ist unser Bruder. Für uns Sozialisten gibt es keine Nationalität, keine Rassengliederung. Wir alle, die wir in Ruß-