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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 399

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Die ersten Sozialisten in der hebräischen Literatur
Date
1918-01-01
Page
399 (sequence 6)
Language
German
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Di e ersten Sozialisten in der hebräischen Literatur 399 jüdischen Nöte und Plagen betrachtete Jehalel jetzt als einzelne Glieder der großen Kette allmenschlicher Not, deren Ursache in der gesellschaftlichen Mißordnung liegt, im Mißverhältnis zwischen Arbeit und Kapital. In einer Reihe von Aufsätzen, die er nicht allein im „Haschachar", sondern auch in den anderen hebräischen Zeitschriften jener Zeit, besonders in der „Hazephira" Slonimskys veröffentlichte, suchte er darzulegen, daß die Judenfrage keine religiöse, sondern eine soziale sei, und nur mit der Lösung des sozialen Weltproblems werde auch das jüdische Problem gelöst werden. In einem seiner Gedichte im „Haschachar" (IX. Jahrg.): „Scheelot hasman" (Zeitfragen) äußerte er den Gedanken, die Judenfrage, die Frauenfrage und die Arbeiterfrage seien eigentlich nur ein und dieselbe Frage: die Unterdrückung der Schwachen durch die Starken. In seinem großen, unbeendet gebliebenen Poem „Elchanan" (ebenfalls im IX. Jahrgang des „Haschachar") gab er diesem Gedanken eine bildliche Darstellung. V. Das dritte und größte Zentrum der ersten jüdischen Sozialisten war Mohilew am Dniepr. Man kann sogar behaupten, Mohilew sei die Wiege des jüdischen Sozialismus. Der Geschichtsschreiber, der einst die Entwicklung der sozialistischen Bewegung unter den russischen Juden schildern wird, wird gewiß bei der merkwürdigen Tatsache verweilen, daß der Marxismus zuerst in eine Stadt wie Mohilew eingedrungen ist, die weitab von der Eisenbahn und der europäischen Kulturwelt lag und deren jüdische Bevölkerung im religiösen Fanatismus dahinlebte. Es war aber einmal so, daß die ersten jüdischen Mitglieder der russischen revolutionären Partei „Narodnaja Wolja" (Volkswille) gerade in Mohilew auftauchten. Zu ihnen zählte in Mohilew auch ein hebräischer Schriftsteller, der für den Sozialismus im „Haschachar" Smolenskins agitierte. Dieser Schriftsteller hieß Elieser Zuckermann und war ein Sohn armer Eltern, ein gewesener Jeschiwajünger, Studiengenosse des greisen jiddischen Erzählers Jakob Dinesohn. Durch die Lektüre der neuhebräischen Aufklärungsliteratur wurde er Maskil, und von der Haskala kam er zum Sozialismus. Die erste Veröffentlichung Zuckermanns im „Haschachar" war eine Erzählung, geschrieben in der Form eines Tagebuchs unter dem Namen „Olam hafuch" (Verkehrte Welt)*). Diese Erzählung ist von Anfang bis zu Ende ein Protest gegen die Reichen und ein Hymnus auf die Arbeitenden. Viel plastischer wirkte eine kleine Skizze von Zuckermann, „Rajon meolam haseh umeolam haba" (Vom Diesseits und vom Jenseits), gezeichnet mit dem Pseudonym „Esri ben Josephel"**). In der Form eines Gesprächs zwischen einem Arbeiter und einem Millionär zeichnet Zuckermann die Grundlinien der Darwinschen Theorie vom Kampf ums Dasein und der Ideen Marxens über Arbeit und Kapital und beklagt das Schicksal der Elenden, die ihr Mark und Blut auf dem Altar der Bereicherung ihrer Ausbeuter opfern. Zuckermann begnügte sich also nicht mit dem theoretischen Sozialismus. Mitte der 70 er Jahre kam er nach Wien und begann plötzlich die Setzerkunst in der Druckerei des „Haschachar" zu lernen, die damals von Smolenskin geleitet war. Ende der 70 verschwand er ebenso unerwartet. Nach der Ermordung Alexanders IL im März 1881 fand die Polizei bei einer Haussuchung in Petersburg eine geheime Druckerei, in der Zuckermann gerade dabei war, eine der *) Haschachar, VI. Jahrg. **) Haschachar, VII. Jahrg.

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