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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 398

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Die ersten Sozialisten in der hebräischen Literatur
Date
1918-01-01
Page
398 (sequence 5)
Language
German
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398 S. L. Zitron: der Gruppe kennen und wurde für den Sozialismus gewonnen. Interessant ist, was Jehalel selber in seiner Autobiographie darüber erzählt, wie er Sozialist wurde. „Im Jahre 1872", schreibt er, „war ich, wie die anderen Aufgeklärten jener. Zeit, ein Phantast. Als die besten Bücher betrachtete ich die Werke von Eugene Sue, dem älteren Dumas und ihresgleichen. Aber seit 1872, nachdem ich einige jüdische Studenten der Universität Kiew kennen lernte, wurde ich gänzlich umgewandelt Unter ihrem Einfluß las ich die Klassiker und alle Werke Pissarews, die auf mich stark einwirkten. Diese Lektüre entwurzelte all meine bisherigen Gedankengänge, und meine Augen erblickten ein völlig neues Licht. Ich verschlang die kritischen Werke von Bielinsky und Dobrolubow*), ich studierte fleißig Wirtschafts- und Gesellschaftslehre, vertiefte mich in die Schriften von Adam Smith, Mill und Marx. Besonders aber fesselten mich die Werke Tschernyschewskys. Später las ich Darwin, Buckle, Spencer, Draper und Büchner. Nun stellt euch meine Lage vor, als ich, durchdrungen von den Ideen Pissarews und Tschernyschewskys und vom Scheitel bis zur Sohle Sozialist, an einem schönen Morgen einen Posten bei dem Kiewer Millionär Lazar Brodski antrat! Für ein Monatsgehalt von 40 Rubel arbeitete ich bei diesem Millionär 11 Stunden täglich und mußte davon in einer Großstadt wie Kiew mit einer Frau und vier Kindern leben. Auf diesem Posten sah und empfand ich deutlich; was Herr und was Knecht, was stark und was schwach, was Ausbeutung und was Kampf zwischen Arbeit und Kapital bedeutet. Marxeps Theorie des historischen Materialismus verdeutlichte mir die Sache noch mehr. Ich konnte mich nicht enthalten, all das, was in mir die ganze Zeit hindurch gegärt hatte, in einem Gedicht auszuschütten, das ich unter dem Titel „Ewed awadin" (Ein ewiger Sklave) im „Haschachar" veröffentlichte"**). In diesem Gedicht beschwert sich ein Arbeiter ob des grausamen Unrechts, das in der Welt herrscht. Um den Arbeitgeber zu bereichern, muß er, der Arbeiter, Tag und Nacht wie ein Esel arbeiten, während ihn diese Arbeit nicht einmal vor dem Hunger sichert. Würden alle Menschen in gleicher Weise arbeiten und jeder die Früchte seiner Arbeit genießen, so wären alle glücklich, es wäre in der Welt keine Not und kein Leid, denn Brot gibt es für" alle reichlich, und die Arbeit könnte jedermann ernähren"***). Im selben Geist ist ein längeres Poem von Jehalel gehalten, das er unter dem Titel „Kischron hamaase" (Lohn der Arbeit) gleich danach im „Haschachar" f) veröffentlichte und das in; hebräischen Leserkreisen sehr populär wurde. Diese Gedichte, in denen Jehalel die Grundlagen der sozialistischen Lehre darlegte, machten auf die Leser einen so starken Eindruck, daß die jüdische Sozialistengruppe in Kiew sich veranlaßt sah, sie ins Russische zu übersetzen und unter der studierenden Jugend zu verbreiten. In der literarischen Tätigkeit Jehalels brach damals eine Krise aus. Während er sich bis jetzt, wie alle hebräischen Schriftsteller der „aufgeklärten" Schule, immer nur mit der Frage der „Anpassung der Religion an das Leben" beschäftigt und überhaupt nur solche Fragen behandelt hatte, die das jüdische Leben im besondern betrafen, wandte er sich nun von all diesen Problemen ab. Alle *) Bekannte russische Kritiker-Realisten um die Mitte des 19. Jahrhunderts. **) „Sikaron basefer" (Memoiren), von Jehalel, Shitomir, 1910. ***) „Haschachar", VI. Jahrg. t) VII. Jahrg.

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