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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 397

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Die ersten Sozialisten in der hebräischen Literatur
Date
1918-01-01
Page
397 (sequence 4)
Language
German
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Die ersten Sozialisten in der hebräischen Literatur 397 dar. ' Der Dichter klagt ob der schweren Lage der Arbeiter, die von den Arbeitgebern ausgebeutet werden. Besonders bezeichnend sind folgende Worte: „Alle verleumden uns, daß wir nichts Heiliges besitzen, daß wir alles verleugnen und an nichts glauben. Es ist aber alles nicht wahr. Wir sind gläubig. Wir glauben, daß nicht immer Betrug, Raub und Gewalt herrschen werden. Wir glauben, daß die Sonne aufleuchten und eine helle Zeit kommen wird. Nicht mehr werden Menschen Hungers sterben---- Nicht mehr wird ein Mensch über den anderen herrschen. Frei wird der Mensch sein und niemand wird es wagen, sich in sein Persönliches zu mengen: weder Eltern noch Geschwister noch Gewalthaber. Alle Menschen werden gleich sein, man wird nicht sagen: Christ, Mohammedaner oder Jude, sondern: Bruder, Freund und Genosse. Es werden keine Herren und keine Knechte sein---- Es wird keine Ungleichheit der Rechte unter den Geschlechtern mehr sein: das schöne Geschlecht wird ein nützliches werden. Alle werden mit Wissen gewappnet sein, mit dessen Hilfe man die Naturkräfte zwingen wird, die menschliche Arbeit zu leisten, so daß die Menschen nicht mehr im Schweiße des Angesichts zu arbeiten brauchen werden"*). Das Gedicht klingt aus in die zuversichtliche Hoffnung, daß die Tage der Erfüllung der messianischen Ideale, das ist der Ideale des marxistischen Sozialismus, nahen. Nebenbei bemerkt, war dieses Gedicht die erste und letzte sozialistische Veröffentlichung Kantors. Seine seitherige literarische Tätigkeit bewegte sich in ganz anderen Bahnen. Das Wilnaer Zentrum betraute nunmehr einen anderen Genossen, ebenfalls Schüler des Seminars, mit der hebräischen Agitation. Im VI. Jahrgang des „Haschachar" erschien in mehreren Fortsetzungen eine Erzählung unter dem Namen „Chasut hakol" (Allgemeine Rundschau), gezeichnet mit einem Pseudonym „Daniel Isch-chamudot". Diese Erzählung ist eine Bilderfolge, in der hintereinander die verschiedenen sozialen Ungerechtigkeiten geschildert werden. Sie ist in schönem Hebräisch geschrieben, ohne den hochtrabenden Meliza-Stil jener Zeit, ohne die bröcklige Mosaik aus Bibelversen, und überhaupt so fein stilisiert, daß sie trotz der Verheerung, die der Stift des russischen Zensors in ihr angerichtet hat, in der hebräischen Leserwelt großen Eindruck machte. Eine Zeitlang waren die Ideen der Erzählung Stoff für heftige Diskussionen nicht allein in literarischen und intellektuellen Kreisen, sondern auch unter bürgerlichen Lesern, besonders aber unter der talmudstudierenden Jugend. Der Verfasser war der eigentliche Schöpfer und begabteste Propagandist des jüdischen Sozialismus, Aron Samuel Liebermann. IV. Die Kiewer Gruppe der ersten jüdischen Sozialisten bestand aus einer Anzahl Studenten der dortigen Universität, von denen im Verlauf der Zeit einige hervorragende Sozialistenführer emporkamen, wie Axelrod und Leo Deutsch**). Der hebräische Propagandist dieser Gruppe war der Dichter Jehuda Lewin, bekannter unter dem Pseudonym Jehalel. Im Hause des Dichters Kaminer, wo die Zusammenkünfte der sozialistischen Studentengruppe stattfanden, lernte er die Führer *) „Haschachar", IV. Jahrg., S. 54. *•) Axelrod ist ein Schwiegersohn des hebräischen Dichters Jizchak Kaminer. Axelrod und Deutsch, die bis zur großen russischen Revolution in der Verbannung lebten, wirken seit März 1917 in den ersten Reihen der russischen Öffentlichkeit.

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