Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 396

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Die ersten Sozialisten in der hebräischen Literatur
Date
1918-01-01
Page
396 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101146-3103704--2771-3103779
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

396 S. L. Zitron: den Nationalismus als ein Überbleibsel der alten, abgestorbenen Zeit, das in direktem Gegensatz zum Sozialismus stehe. Der Leiter der ersten jüdischen sozialistischen Gesellschaft in Wilna, Sundelewitsch, erzählt in seinen Erinnerungen: „Für uns alle hatte das Judentum als nationaler Organismus keine Realität; uns war, als ob die jüdische Nationalität kein Recht auf Existenz habe. Das Hauptband, das alle Juden zusammenhält, die Religion, wurde von uns als etwas durchaus Rückschrittliches betrachtet. Der jüdische Demokrat empfand es als sittliche Pflicht, all seine Kräfte für das Wohlergehen der arbeitenden Klassen hinzugeben, und da sein eigenes Volk, das jüdische, doch aus lauter Händlern und Vermittlern bestand, so ist nicht zu verwundern, wenn für den jüdischen Demokraten die Losung „ins Volk gehen" soviel hieß wie: ins russische Volk gehen"*). Ein anderer der ersten jüdischen Sozialisten, der bekannte hebräischjüdische Schriftsteller Wintschewsky (Benzion Nowochowitz) schreibt in seinen Erinnerungen: „Wir waren alle Narodniki, und die Bauern waren unsere Brüder"**). Nun aber fanden diese ersten jüdischen Sozialisten, die theoretisch und praktisch jeden Zusammenhang mit dem jüdischen Volkstum verleugneten, keinen anderen Tummelplatz für ihre Propaganda als die hebräische Monatsschrift „Haschachar" (Die Morgenröte) von Smolenskin, der ein begeisterter Kämpfer war nicht allein für den jüdischen nationalen Gedanken, sondern auch für die wahrhafte jüdische Renaissance. Wie es möglich wurde, daß Smolenskin seine Zeitschrift kosmopolitischen Draufgängern zur Verfügung stellte, ist eine Frage, die zum Gegenstand nicht gehört. Es waren dabei redaktionelle Erwägungen maßgebend, auf die ich anderweitig näher eingegangen bin***). Hier interessiert uns das Charakteristikum der ersten jüdischen Sozialisten, die für ihre Ideen hebräisch Propaganda machten. III. Die jüdische sozialistische Bewegung hatte damals ihre drei Hauptzentren in Wilna, Kiew und Mohilew am Dniepr. Die Arbeit war so verteilt, daß in jedem dieser Zentren ein Genosse beauftragt war, die sozialistische Agitation im Haschachar zu führen, der einen großen Einfluß auf einen bestimmten Teil der jüdischen Intellektuellen ausübte. In Wilna hatte das jüdisch-sozialistische Zentrum seinen Sitz im Rabbinerseminar. Die entwickelteren Studenten der höheren Klassen, die in der russischen radikalen Literatur bewandert waren und nicht allein die Gedankengänge Pissarews und Tschernyschewskys, sondern auch die Grundideen Darwins, Marxens und Lassalles sich zu eigen machten, waren alle dem Sozialismus ergeben. Als die Notwendigkeit der hebräischen Propaganda für den Sozialismus anerkannt wurde, beauftragte das Wilnaer Zentrum damit einen der Genossen aus dem Rabbinerseminar. Das war ein später rühmlich bekannter hebräischer und russisch-jüdischer Schriftsteller und Journalist, der Redakteur der ersten hebräischen Tageszeitung „Hajom", der während des Kriegs verstorbene Dr. L. Kantor. Wegen der sehr strengen Zensur jener Zeit konnte Kantor nicht mit offenem Visier auftreten und mußte seine sozialistische Agitation in den Versen eines Gedichts einschmuggeln. Das Gedicht war betitelt: ,,Maaminim anachnu" (Wir glauben), und stellte einen Aufruf an die Jugend *) „Zukunft" (jiddische Monatsschrift, New-York), 1906, XI, 38. **) J. Zinberg, Geschichte der jüdischen Presse (russisch), S. 212. ***) Siehe meine Erinnerungen an Smolenskin in der hebräischen Tageszeitung „Hed- Hasman" (Zeit-Echo), Wilna 1911.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.