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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 395

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Die ersten Sozialisten in der hebräischen Literatur
Date
1918-01-01
Page
395 (sequence 2)
Language
German
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Die ersten Sozialisten in der hebräischen Literatur 395 daß zu einer Zeit, als es im ganzen denkenden Rußland gärt und braust von den neuen sozialen Ideen Pissarews und Tschernyschewskys*), zur gleichen Zeit unsere hausbackenen Literaten über himmlischen Dingen und Phantastereien brüten?! Gebt uns Brot und frische Luftf Strebet nach Ruhe und Wohlfahrt für unsere elenden Schwestern und Brüder! Rettet unsere Jugend vor der Verelendung! Zeigt ihr den richtigen Lebensweg, damit sie nicht ihre Kräfte im sinnlosen Herumirren vergeudet" (Monatsschrift „Haschachar", II. Jahrg., S. 373). Noch prägnanter zeigte sich die Wirkung Pissarews und Tschernyschewskys auf Lilienblum in dessen Kritik von Mapus halbrealistischem Roman „Ait zabua". Hier erklärte sich Lilienblum ausdrücklich gegen die Ästhetiker, die die Kunst als Selbstzweck ansehen, und vertrat das bekannte Pissarewsche Paradox, „ein Paar Schuhe seien mehr wert, als alle, Werke Shakespeares". „Vor allen Dingen", behauptete er, „haben unsere Künstler ihren Blick auf die konkrete Wirklichkeit zu richten, um den Leser an eine nüchterne Betrachtung des Lebens zu gewöhnen, damit er nicht mehr in einer traumhaften Welt umherschweife, sondern endlich begreife, daß es keinen anderen Zweck im Leben gibt als das Leben selbst, und daß der Grundpfeiler des allgemeinen Wohlstands nur der Einzelne ist, der mit beiden Füßen auf realem Boden steht und sich mit nützlicher Arbeit beschäftigt, die ihm lieb und der er hingegeben ist" (Haschachar, IV, Jahrg., im Aufsatz „Olam hatohu"). In einer Reihe von Aufsätze verfocht Lilienblum auch die Idee Tschernyschewskys, der Einzelne müsse von all den Fesseln befreit werden, die ihm von der Familie, von der Gesellschaft und anderen hemmenden Einrichtungen auferlegt worden seien. Allein die frei entwickelte, starke Persönlichkeit kann mit Nutzen für sich und für die Menschheit leben — das war der Refrain der Lilienblumschen kritischen Aufsätze Ende der 60er und Anfang der 70 er Jahre. All diese Anschauungen über Kunst und Ästhetik, all diese Ansichten von der Überlegenheit des „Realismus" und der Nichtigkeit des „Idealismus" samt dem Drange zur Befreiung der Persönlichkeit bereiteten in der neuhebräischen Literatur allmählich den Boden für eine noch radikalere Theorie, für den Sozialismus. IL Zu Beginn der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts entstand unter der russischen gebildeten Jugend eine starke sozialistische Bewegung, die unter dem Namen „Narodnitschestwo" (von „Narod": Volk, Volkstum) bekannt war. Manche jüdische Studenten, die mit dieser russischen Jugend in steter Berührung waren, wurden von deren Ideen mitgerissen, und als unter den russischen Intellektuellen das bekannte „Ins-Volk-gehen"**) einsetzte, gingen auch kleine Gruppen jüdischer gebildeter junger Leute mit. In Wilna, Kiew und manchen kleineren Städten wurden Vereine jüdischer Sozialisten-Kommunisten gegründet, die für ihre Ideen eine geheime Propaganda im Volke zu führen suchten, besonders unter Jeschiwajüngern und der sonstigen talmudisch geschulten Jugend. Hier stoßen wir auf eine merkwürdige Erscheinung. Zu jener Zeit galt es bei den Anhängern des sozialistischen Gedankens als Axiom, daß das Nationale in dem Kulturgange der'Menschheit nichts bedeute. Bestenfalls betrachteten sie *) Ein bekannter russischer Schriftsteller von der sozialistisch-kommunistischen Schule, <ter Ende der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts wirkte. **) „Ins Volk gehen" bedeutete sich auf dem Lande unter den Bauern, ansiedeln und einfach bäuerisch leben, um auf die Bauernmassen besser wirken zu können. 29*

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