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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 393

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart
Date
1918-01-01
Page
393 (sequence 11)
Language
German
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Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart 393 der Menschheit und unserer Geschichte mit ihren großen Männern von Moscheh an. Hier aber bedroht es schlechthin unseren Bestand. Es ist ihm keine Wahl gegeben: das Los ist zu werfen zwischen ihm und dem Volk. Schliche genug weiß es zu üben, den Wurf sich zum Heil zu lenken. Wir glauben an keinen Untergang des Judentums, aber nur darum nicht, weil uns die Hoffnung, der Glaube durchdringt, daß es aller Zersetzungen sich zu erwehren weiß. Daß es die Bedrohung seines Bestandes durch Vernichtung des Bedrohers als Schreckbild auflöst. Und das verlangt das Jahrhundert, der Augenblick von uns: der heutigen Generation muß eine jüdische Jugend folgen, die ihr nicht folgt. Eine von Grund aus veränderte und eine unbedingt bereite. Bereit zu jeder nötigen Veränderung. Das allein heißt Zionismus, jüdischer Nationalismus, diese völlige Revolution der geistigen Verfassung des Judentums, seines sozialen Aufbaus, seiner geographischen Lage. Die Einkehr des Juden in sich; die Rückkehr der Juden zum Judentum, das so weit absteht von allem, was heute so heißt, wie nur irgend ein Pol der Ausstrahlung der identischen Wesenheit vom andern entfernt sein kann. Was also soll uns Erhaltung? Und gar Erhaltung des Heutigen? Erst Erhaltung des heutigen jüdischen Bürgertums? Wir wollen Erhaltung aber gerade des wesentlich Jüdischen, und wo ja im heutigen jüdischen Bürgertum ein Jüdisches ist, scheint es uns das Unwesentlichste, Uneigentlichste, vielfach Abgelenkte, Vermengte und Verwirrte zu sein. Sein Bestehen, seine Erhaltung verhindert die Bewahrung des Eigentlichen und Werten. Was soll uns die Scheidung in Klassen? Die Sicherung der einen, ihre Privilegierung? Schmerzhaft genug ist die Judenheit zerrissen, bis zur blutigsten Paradoxie, die der jetzige Krieg aus einem zuweilen schreckhaft geahnten Gespenst zur vernichtenden wahrsten Wirklichkeit verwandelte. Umgekehrt, uns müssen alle Schranken sich heben, alle Dämme weichen, uns ist aufgegeben vor unserem heimlichsten Gefühl zu werden, was wir der Wut unserer Feinde seit je, der jüdischen Erkenntnis seit hundertzwanzig Jahren wieder sind: ein Volk. Wie vermöchten wir ein Erziehungswesen zu ertragen, dessen Fundament nicht Bildung in wahrem Sinn, dessen letzte und erste Absicht nicht Kultur, Geist oder Gott, jedenfalls ein ganz Hohes wäre? Ein Volk, das nichts besäße als seine politische Macht oder seine wirtschaftlichen Güter, würde als sein heiliges Recht empfinden dürfen, dies zu hüten, mit allen Mitteln zu verteidigen, zu vermehren. Jedes Volk darf seine Macht und Wirtschaft erhalten wollen, soweit sie wahrhaft seinen geistigen Besitz bedingen. Wir aber sollten, die Juden im heutigen Europa, die einzige Nation, die zwei Jahrtausende beinahe nichts ihr eigen nannte als Bildung, Werte, Religion und Geist, die einzige Nation vielleicht, die dies wahrhaft besaß und eben erst beginnt, es wahrhaft zu verlieren und so den anderen gleich zu werden, wir sollten gerade jene Macht und Wirtschaft fördern, schützen, zäh bewahren, die unseren eigentlichen, den einzig werten Besitz vernichten? Wir sollten mit ungeheurem Aufwand eine Erziehung übernehmen, uns ihr anpassen, die das bedingt Wertvolle pflegt, indem sie das unbedingt Wertvolle vernichtet, damit sie es vernichte? Wie dürften wir einen Apparat, eine Maschine aufrichten, deren einziger Zweck, einzige Wirkung wäre, den ungebundenen Willen der Jugend nach dem Neuen, nach der Veränderung von Grund auf zu brechen? Eine Erziehung und einen Unterricht, deren Aufgabe es vornehmlich ist, die Jugend zu lehren, am Bestehenden sich zu begnügen, zu erbauen, es zu vergöttern oder wenigstens es als Gegebenes schlechthin an¬ Heft 8/9. 29

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