Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 394 (sequence 12)
- Language
- German
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394 S. L. Zitron: zuerkennen? Wir haben nur eine Hoffnung: daß unsere Söhne besser sein werden als wir, daß sie lebendiger fühlen werden, wohin ihr jüdisches Blut drängt, daß sie deutlicher die Stimme aus dem chaotischen Wirbel vernehmen, daß sie ungebrochener, entschlossener und umfassender tun werden, was not ist. Gott schlug den Erstgeborenen des fremden, feindlichen, vergewaltigenden Volkes, und das war die Tat seines bittersten Zornes, um uns hinauszuführen aus dem Lande Mizraim. Und wir sollen mit eigener Hand unseren Erst-, unseren Zweit- und unseren Jüngstgeboren selbst erschlagen, damit wir bleiben können in Mizraim? Wien Siegfried Bernfeld DIE ERSTEN SOZIALISTEN IN DER HEBRÄISCHEN LITERATUR i. Mitte der 60 er Jahre des verflossenen .^Jahrhunderts, als die neuhebräische Literatur noch sehr jung war, war sie ganz idealistisch-romantisch gestimmt Der erste neuhebräische Belletrist Abraham Mapu, der völlig im Bann der französischen romantischen Schule stand, schrieb damals seine historischen Romane, die den Leser um dreitausend Jahre zurückversetzten, in eine Blütezeit des jüdischen selbständigen politisch-nationalen Lebens. Der populärste hebräische Dichter jener Zeit, Adam Hakohen Lebensohn, grübelte in den ewigen unlösbaren Problemen und vertiefte sich in die Ursachen des Weltschmerzes. Sein begabter frühverstorbener Sohn Micha Josef sang begeistert den Ruhm unserer historischen Volkshelden. Kalnian Schulmann und Genossen brachten dem hebräischen Leser Übersetzungen aus der französischen Boulevardliteratur. ' Hebräische Publizisten polemisierten eifrig mit kleinstädtischen Rabbinern über Schulchan-Aruch-Fragen. Jüdische Gelehrte, wie der Paduanische Professor Samuel David Luzatto und andere, beschäftigten sich in den Zeitschriften mit philologischen Forschungen und mit dem Deuten schwieriger Bibelverse. Zu jener Zeit vernahm man urplötzlich in der hebräischen Literatur und Presse ganz neue Töne, erst leise und schüchtern, dann lauter und dreister, bis sie sich zu donnernden Tiraden verdichteten: Hört ihr Schriftsteller, ihr Aufklärer! Wozu beschäftigt ihr euch mit solchen Torheiten? Wozu das Wühlen in den Gräbern? Gebt uns etwas Wesentliches, Greifbares! Gebt uns Lebendigesl Verbreitet im Volke die Wissenschaft von der Natur, belehrt es über Stoff und Kraft, dadurch werdet ihr es befähigen, für sich und für andere zu leben. Mit diesen Forderungen an die neuhebräische Literatur und an ihre Schriftsteller trat damals der hebräische Kritiker Uri Kowner auf (in seinem Werke: ,,Cheker dawar", Wilna 1865). Kowner aber gab damit bloß die Gedankengänge des großen russischen Kritikers jener Zeit, Pissarew, wieder, der, auf die Theorien Büchners, Feuerbachs, Schleidens und anderer gestützt, den Materialismus als Hauptfaktor des menschlichen Fortschrittes darstellte und von diesem Standpunkte aus die russische Literatur und Presse seiner Zeit angriff. Nach wenigen Jahren trat auch Lilienblum mit einem Protest gegen die Romantik in der neuhebräischen Literatur und gegen ihre Weltfremdheit auf. In einem seiner kritischen Aufsätze rief er entrüstet aus: „Wie ist es möglich geworden*