Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 392 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101146-3103703--2765-3103775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
392 Siegfried Bernfeld: brach: die Helfer einfing und zu ihren Zwecken verwandte, die Jugend verbog, zu ihrem Sinn erwachsen ließ. Wir sehen, wer heute die Macht ist. Schlagworte wie Kapitalismus nennen einen Teil dieser Macht, wenn auch nicht ihren Umfang. Die Schulreformer, wertvolle Männer, manche von Bedeutung und Format, sogar Gestalten sind darunter (etwa in Deutschland Kerschensteiner, Foerster, Lietz, die Hamburger Lehrer, die Männer der Arbeitsschule, des Bundes für Schulreform), sie finden Realisierung des von ihnen Gewollten im Dienste des schlechthin nicht zu Wollenden. Um den Preis der augenblicklichen Realisierungsmöglichkeit sind sie von der Macht und ihrer Schule, ihrer Erziehung, ihrer Gesellschaft gekauft und gefangen. Die Jugend wird mit einfacheren Mitteln, durch natürliche, fast physiologische Prozesse heute wie immer gebrochen, gefangen, gekauft — oder zugrunde gerichtet. Es wird an späterer Stelle vom Wesen dieser unheimlichen Macht, von ihrer Überwindung zu sprechen sein. Hier genügt, zum Ausgangspunkt zurückzukehren: das Fundament der europäischen Erziehung ist das ökonomische, aber vor allem das geistige und sittliche Bürgertum; das bestimmt seinen Bau und seinen Inhalt, des macht wirkungslos oder gegen sich selbst wirkend, was ihm widerspricht, widersprechen könnte, wenn es wüchse und sich entwickelte. Und wir haben zu fragen: kann solche Erziehung Vorbild sein für unsere jüdische Gegenwart? Im Grunde ist die Verneinung dieser Frage, einmal so gestellt, unbezweifelbar. Daraus folgt aber für uns die Nötigung, schöpferisch eine neue, unsere eigene Erziehung zu gestalten. Und darum, weil zu dieser Folge gewiß der Mut, vielleicht auch Kraft und Beruf fehlen, erfindet man allerlei Ausreden und Ausflüchte, Argumente und Bedenken, um nicht eine Prämisse zu bejahen, deren Syllogus unerwünscht wäre. So sei eine Begründung der selbstverständlichen Antwort versucht. Es muß unentrinnbar klar werden, was nottut. Es muß so lebendig werden, daß es Taten zeugt. Unsere Gegenwart muß rasch und gründlich Vergangenheit werden. Dies ist Voraussetzung für unsere Zukunft. Um uns an unserem Wesentlichen zu erhalten, um Dauer zu erlangen als Nation, als Wert müssen wir die umstüzende Veränderung unseres ganzes Seins herbeiführen. Nicht weniger ist uns aufgegeben. Nicht allein der Umsturz von Grund auf ist unsere Aufgabe, sondern auch der alles umfassende: unsere gesellschaftliche Schichtung, unser vorherrschender seelischer Typus, unsere wirtschaftlichen Positionen und unsere historischen Tendenzen. Die seit der Emanzipation hemmungslos wütende Assimilation hat uns gar sehr zu Bürgertum, Besitz, Bequemlichkeit bereit gemacht; und überall genügt ein wenig wirtschaftlicher Wohlstand und gesellschaftliche Freiheit, um aus der jüdischen Nation ein bindestrich-jüdisches Bourgeoistum zu erzeugen. Bis tief in die Massen ist unauslöschliche Sehnsucht darnach gedrungen. Und wir wissen es: wir haben es am letzten Jahrhundert gesehen; wir sehen es mit Schaudern an der allzunahen Gegenwart, daß das jüdische Bürgertum bürgerlicher ist als jedes andere. Was aber seine Physiognomie noch erschreckender macht, was ihm die Miene alljüdischer Todesahnung und Gewißheit gibt: jüdisches Bürgertum ist schnellste Assimilation in allen ihren Folgen. In Palästina wird es heißen, sich mit diesem Bürgertum auf der sozialen Ebene auseinanderzusetzen. In der Diaspora haben wir es auf zwei Schauplätzen zu besiegen, dem sozialen und dem nationalen. In unserer Heimat und Freiheit bedroht es unseren Wert, unseren Sinn, unsere Rechtfertigung vor