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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 391

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart
Date
1918-01-01
Page
391 (sequence 9)
Language
German
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Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart 391 gegeben schien. Es ist heute ebenso wie immer. Auch heute denken, planen und versuchen große Menschen neue Erziehung. Ganz Großes ist ihnen gelungen, Taten und Gedanken von wahrhaft befreienden Möglichkeiten. Es glüht in ihnen Sehnsucht nach Menschentum, Bildung, Kultur und Volkstum. Um Beispiele zu nennen: Maria Montessori kämpft gegen Fröbl, Berthold Otto gegen die sogenannte allgemeine öffentliche Volksschule, Gustav Wyneken gegen den Oberlehrer, eine Gruppe junger Männer in Deutschland um Hans Blüher und Ernst Joel gegen das Zerrbild einer Universitas literarum, das heute deutsche Universität genannt wird. Sie sind im Grund wirkungslos; verlacht, abgelehnt, brutal verfolgt Noch ist der Kampf nicht entschieden, aber es ist für Europa kein gutes Hoffen mehr möglich, es wird ihnen ergehen wie auch noch größeren früher. Sie werden die Schule nicht mehr sehen, die das Werkzeug eines tiefen Kulturwillens des Volkes ist, die ganze Jugend des Volkes emporreißend zum Bilde des Menschen, wie er sein soll, den ganzen jungen Menschen erfassend, in innigem Bemühen, diesen Menschen in sich zu verwirklichen; sie werden die Schule nicht mehr sehen, die lehrt, mit Strenge und Unerbittlichkeit die Welt zu werten nach einer großen Utopie von menschlicher Gesellschaft und Gerechtigkeit; und sie werden die Jugend nicht mehr führen in dem einzigen Kampfe, der nottut und der in dem entsetzlichen zehntausendjährigen Beharren der Menschheit in ihrer behaglichen, stumpfsinnigen Widerwärtigkeit die erste Veränderung seit dem Menschwerden des Tieres, die erste Epoche für einen kosmischen Blick wäre, dem alles Völkerwerden und Vergehen, alle Kulturperioden, Altertümer, Mittelalter, Neuzeiten und neueste Zeiten belanglose Scherze der Natur an der Oberfläche eines unveränderlich elenden Kernes erscheinen. Aber sie sind. Ihre Gedanken sind. Ihr Wille. Lichter im Nebel, nicht erhellend und dennoch erlösend als Ahnungen des an sich Möglichen. Sie erst zeigen die Trübe des Nebels, das Dunkel der Finsternis. Es gibt nur wenige, die mitten im gegenwärtigen europäischen Leben, aus den ihm gemäßen, es erhaltenden Erziehungen kommerid, schöpferisch und unabhängig über Erziehung denken, einen neuen Typus Jugend, Mensch und Gesellschaft verwirklichen wollen. Doch diese wenigen haben dreifache Hilfe. Sie sind eingestellt in die Reihe der großen Denker überhaupt, seit je und von überall. Sie haben eine Gefolgschaft in der Jugend. Zahllose tüchtige Männer und> Frauen, in beschränkterem Kreise zu niedrigeren Zielen tätig, könnten ihre Helfer, ihre Verwirklicher sein. Und dennoch, es ändert sich nichts; es besteht keine Hoffnung zu Recht, daß wir den Anbruch einer neuen Zeit, den Anfang der Veränderung, den Aufbruch der Jugend sehen werden. Das ist die Tragödie, die Menschheitsgeschichte heißt. Seit irgendwann, irgendwo vor reichlichen zehntausend Jahren etwa zum erstenmale in einem Menschengeist die Idee des Geistes, ein Teil von ihr aufleuchtete, ist sie nie wieder ganz vergessen. Immer wieder erstehen Rufer und Mahner. Mit einer beinahe ermüdenden Gleichförmigkeit, mit einer empörenden und lähmenden Gleichheit verkünden sie immer wieder das Gleiche: dieselbe Lehre vom Menschen, von der menschlichen Ordnung, von der Sendung des Erziehers, als des Bereiters dieses Menschen und seiner Welt. Und immer war eine Jugend ihnen zu Willen ergeben, erglühend und bereit; immer waren die tüchtigen Helfer erreichbar. Und nie ist ein Satz, ein Wort, ein Punkt ihrer Rede irgendwo und irgendwann Wirklichkeit geworden. Immer war da eine Macht, an der sie zerbrachen, die sie zer-

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