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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 390

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart
Date
1918-01-01
Page
390 (sequence 8)
Language
German
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390 Siegfried Bernfeld: tution für die Jugend ist, vielmehr nicht ist. Und wir können zusammenfassend sagen: das europäische Erziehungswesen bietet eine langdauernde, bewußte und systematische Erziehung nur einer Klasse der Jugend; und dieser auch mehr einen Unterricht als eine Bildung. Nirgends handelt es sich um Kultur, um Menschenbildung; nirgends wird allgemeine Erfassung des Menschen erreicht; nirgends ist ein großes Ziel, das vor allen Maßnahmen schwebt, eine Idee vom Menschen, ein Bild einer Ordnung der Gesellschaft. Alles dient der Vorbereitung für das gegenwärtige Bürgerleben; seiner Privilegierung, seiner Erhaltung. Wahrhaftig, das Leben ist die Schule der europäischen Jugend. Die Wirtschaft ist ihre Erzieherin. Man muß durch den lieblich verhüllenden Schleier ungezählter Zeitschriften und Bücher, tausenderlei Reden zahlreicher Institute, Lehrstühle, Kongresse hindurchsehen, um die Wahrheit, die realen Tatsachen zu erkennen. So viel über Erziehung gesprochen, geschrieben, gedacht wird, so wenig wird erzogen. Eine unüberbrückbare Kluft ist offen zwischen den Erziehungstheorien und der Erziehungspraxis, zwischen Pädagogik und Pädagogie. Das charakterisiert dieses Zeitalter im pädagogischen Sinne, daß es zugleich ganz scharf und durchdacht, vielleicht sogar übertrieben die Notwendigkeit ausschreit und zugleich keine ausübt; daß es dem „Leben" die Erziehungsstätte entgegensetzt und doch unvermögend ist, dem Leben" das Erziehungsmonopol zu entreißen. In Landwirtschaft, Technik, Handel, Gewerbe, auf der Straße, in der Partei, der Kaserne, der Kneipe, dem Verein wirken die Kräfte und Menschen, die aus der Generation machen, was in ihnen durch sie allein aus ihr werden kann: Abbild des Gegenwärtigen, Sklave des Bestehenden, Kümmerling, Teilmensch, Zerrbild. Das Leben, einem einzigen Gesetze gehorchend, doch diesem unbedingt und blind verfallend, dem der Wirtschaft in ihrer gegenwärtigen Form, ist der Altbrunn, in den die Jugend getaucht wird, um in kurzem all ihre Möglichkeiten, ihre latente Revolution zu vertauschen gegen das übliche Allzualte der erwachsenen Generation. So dient die Erziehung nur einem Zwecke: der Erhaltung. Und keineswegs etwa der Erhaltung der Kultur — für diese ist kein Raum in ihr — vielmehr der Erhaltung alles dessen, das Kultur in wahrem Sinne verhindert, vernichtet. Sie ist statisch; mehr als das: vergewaltigend. Tötend. Seit Rousseau werden in Erziehungssachen immer wieder Gedanken geäußert, Pläne entworfen, Versuche realisiert, um diesen Bann zu brechen. Trotz aller Schulreform ist es ihnen bis heute noch nicht gelungen, sich irgend durchzusetzen. Im Gegenteil wiederholt sich hier seit 180 Jahren immer die gleiche Tragikomödie. Was auch die großen Denker an Mitteln ersinnen mögen, an Einrichtungen, die eine trotzige Jugendgeneration erzeugten, eine unverwüstliche, unablenkbare, unbedingte Bekämpferin des Bestehenden; welche Vorschläge immer sie machen zur Organisierung der Kulturrevolution — die Menschheit will sich nicht über sich selbst hinaus emporerziehen lassen: sie bringt alles durch harten Widerstand zum Scheitern. Zuweilen aber wird doch das eine oder das andere verwirklicht, aber niemals als Anfang, sondern immer als Ende der Veränderung. Denn nicht das Wesentliche der großen Gedanken, nicht der Hebel, der das Bestehende aus den Fugen heben könnte, sondern lediglich das erfährt Verwirklichung, was geeignet ist, das jeweilige Erziehungswesen in seinem Sinne zu verbessern, das heißt, es in allem unwesentlichen und uneigentlichen an veränderte Umstände anzupassen, es zu erhalten in seinem belangvollen Umfange, gerade in dem Augenblicke, wo es der Vernichtung preis-

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